Die Formel 1 kommt nach Cham – zumindest als verblüffend echt wirkende Simulation

WIRTSCHAFT ⋅ Multimillionär Francisco Fernandez investiert viel Geld in Formel-1-Simulatoren rund um die Welt. Die erste Racing Lounge steht in Cham – und lockt mit attraktiven Preisgeldern.

24. Mai 2019, 05:09

Federico Gagliano

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Monza, Silverstone oder Nürburgring – Formel-1-Fans träumen davon, einmal selbst auf diesen Strecken Gas zu geben. Seit Anfang April ist das auch möglich – zumindest als Simulation. In Cham wurde die erste Schweizer Racing Lounge der Formula V eröffnet. Dank High-Tech-Simulatoren haben Besucher dort die Gelegenheit, sich selbst hinter ein Formel-1-Lenkrad zu setzen.

Doch Cham ist erst der Anfang: Das Jungunternehmen Formula V will sich international einen Namen machen. Standorte auf der ganzen Welt sind geplant, auch Turniere sollen folgen: Das erste findet am Samstag in Cham statt, wo 64 Fahrer gegeneinander antreten, die sich zuvor dafür qualifiziert haben. Dem Sieger winken 5000 Franken Preisgeld, dem Zweit- und Drittplatzierten Platz 3000 beziehungsweise 1000 Franken. Auch ohne Turniere ist die Lounge die ganze Woche geöffnet. Eine Stunde im Simulator kostet 70 Franken, 30 Minuten 40 Franken. Ganz versessene Fahrer können gleich ein Jahresabo für zehn Stunden pro Monat lösen – Kostenpunkt 1200 Franken.

Internationale Ambitionen

Hinter dem Unternehmen steckt der Multimillionär Francisco Fernandez. Der gebürtige Luzerner ist bekannt als Gründer des Bankensoftwareherstellers Avaloq. Der begeisterte Autofan hat für das Projekt den Hersteller der Simulatoren, Evotek, mehrheitlich übernommen. Die italienische Firma hat ihren Sitz in Modena, ganz nah an der Ferrari-Geburtsstätte Maranello, wo Formula V ebenfalls einen Showroom eröffnet hat. Auch die Lounge in Cham ist dem italienischen Rennstall nahe: Sie befindet sich oberhalb einer Ferrari-Werkstatt – ein breites Schaufenster gewährt einen Blick auf die Sportwagen.

Die Aussicht ist nur Nebensache: Im Zentrum stehen die vier Simulatoren, welche in gleicher Form auch von der Formel 1 verwendet werden. Jeder Simulator wird mit dem gleichen Steuerrad wie es Sebastian Vettel in der vergangenen Saison verwendete, gesteuert.

Wer eine solche Maschine zuhause haben will, muss tief in die Tasche greifen: Zwischen 120'000 bis 180'000 Franken kostet ein Gerät. Fernandez hat laut dem Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz zehn Millionen Franken in Formula V investiert, zwei weitere Finanzierungsrunden sind geplant.

Weitere Lounges sollen im Franchise-System hochgezogen werden. Die nächste wird im August beim Zürcher Bahnhof Tiefenbrunnen eröffnet, eine weitere in Madrid wird bereits gebaut. In einem weiteren Schritt sollen die Rennfahrer dann über die Landesgrenzen hinweg gegeneinander antreten. Die internationalen Wettbewerbe sollen in einem Verband organisiert werden. Verantwortlich für den Verband und das Marketing der Formula V ist jemand, der Erfahrungen mit weit grösseren Turnieren gesammelt hat: der ehemalige Fifa-Direktor Guido Tognoni.

Fernandez hatte die Vision hinter Formula V so beschrieben: «Wir wollen den Rennsport demokratisieren». Tognoni fügt hinzu: «Wir wollen aus dem Zuschauersport ein Teilnehmersport machen. Es kann nicht sein, dass nur rund 20 Fahrer auf der ganzen Welt fahren dürfen.» Als Beispiel nennt er Shaun Vogel: Der 21-jährige Zürcher hat fünf Meisterschaftstitel im Go-Kart gewonnen und hat auch bereits Erfahrungen mit der Formel 4 gemacht. Für den Sprung in die höheren Kategorien fehlten ihm aber die Mittel: «Wir hatten schlicht das Geld nicht, um meine Karriere weiter vorwärtszutreiben. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Warte ich auf einen Sponsor oder setze ich auf einen anderen Beruf?», erklärt er. Vogel entschied sich für den Beruf. Nun bekommt er eine zweite Chance, Simulation sei dank. Er fährt für das erste gesponserte Team der Formula V der Immobilienfirma Allfina.

Anstrengend, aber ohne Risiko

Doch wie nahe liegen Simulation und Realität wirklich beieinander? Vogel ist überzeugt: «Abgesehen von den Fliehkräften lässt sich das Fahrgefühl praktisch 1:1 simulieren.» Die Evotek-Geräte ahmen die Bewegung der echten Wagen nach – das ist nicht nur immersiv, sondern auch anstrengend: «Fährt man eine halbe Stunde, ist man durchgeschwitzt», sagt Tognoni.

Ein Besuch in der Lounge bestätigt die Aussage: Kaum einer der Fahrer steigt trocken aus dem Cockpit. Dafür bleibe aber alles risikolos: «Wo kann man sonst mit 300 Stundenkilometern in eine Wand hineinfahren, ohne etwas zu zerstören?»

Könnte man das Erlebnis durch die Integration virtueller Realität noch weiter steigern? Dies sei bereits ein Thema: «die Simulatoren werden ständig weiterentwickelt», sagt Tognoni. Er gibt sich zuversichtlich: «Wir stehen hier erst am Anfang. Und der ist schon vielversprechend.»


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