Der fragwürdige Kampf gegen Plastiksäckli

WIRTSCHAFT ⋅ Kunststoff hat einen schlechten Ruf. Einige Detailhändler versuchen deshalb, das Material zu ersetzen. Das ist nicht immer sinnvoll.

30. Dezember 2020, 05:11

Gregory Remez

Ab Anfang 2021 soll in der Schweiz kein einziger Plastiksack mehr gratis über die Ladentheke gehen. Das sieht die neue Branchenvereinbarung der Detailhändler vor. Migros und Coop haben es bereits vorgemacht: Seit sie für ihre Raschelsäckli eine Gebühr von 5 Rappen verlangen, ging die Nachfrage um über 80 Prozent zurück. Rund 850 Tonnen Neuplastik könne man so jährlich einsparen, heisst es bei Coop. Nun sollen also alle Detailhändler mitmachen, auch jene aus dem Non-Food-Bereich.

Die Marschrichtung ist eindeutig: Plastik reduzieren – der Umwelt zuliebe. Und wer könnte da etwas dagegen haben? In den vergangenen Jahren ist das einstige Supermaterial stark in Verruf geraten. Bei vielen Konsumenten sitzt der Schrecken angesichts schwimmender Plastikinseln im Meer und Mikroplastikrückständen im Essen noch immer tief in den Knochen. Sie fordern von den Detailhändlern deshalb vermehrt eine Abkehr vom Plastik und eine Zuwendung hin zu ökologischeren Alternativen.

Lehner Versand will «Zeichen für den Umweltschutz» setzen

Das Problem dabei: Gerade bei Tragtaschen oder Verpackungen weisen Kunststoffe oftmals eine bessere Ökobilanz auf als andere Materialien. Roland Hischier von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa:

«Der pauschale Kampf gegen Plastik macht rein aus Sicht der Öko­bilanzen keinen Sinn.»

Er beobachte, dass Plastik bei Verbrauchern einen zunehmend schlechten Ruf geniesse – oftmals zu Unrecht. Diese Veränderung bei der Konsumentenstimmung übe indirekt Druck auf Unternehmen aus, die sich in der Folge zu einer Reaktion gezwungen sähen.

Mitunter führt das aus Forschersicht zu wenig nachvollziehbaren Entscheiden. So haben in den letzten Jahren verschiedene Detailhändler damit begonnen, Tragtaschen oder Verpackungen aus Plastik komplett durch andere Materialien zu ersetzen, obwohl diese zum Teil deutlich schlechtere Ökobilanzen aufweisen. Jüngst etwa auch Lehner Versand mit schweizweit neun Verkaufsstellen und Sitz im luzernischen Schenkon. Seit dem 1. Dezember werden in den Filialen des Versandhauses keine Plastiksäcke mehr abgegeben und stattdessen Papiertaschen verkauft. Man wolle damit ein «Zeichen für den Umweltschutz» setzen und verzichte im Rahmen der Umweltstrategie künftig vollständig auf die Abgabe von Plastiktragtaschen, begründet Lehner Versand den Schritt. Eine Sprecherin ergänzt auf Nachfrage:

«Plastiksäcke sind unserer Meinung nach nicht mehr zeitgemäss und auch nicht das, was unsere Kundinnen und Kunden wünschen.»

Doch blickt man auf Untersuchungen zu den Ökobilanzen von Tragtaschen, erhält man ein anderes Bild. Eine Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa kommt etwa zum Schluss, dass Plastiksäcke – egal ob aus grösstenteils recyceltem Kunststoff, aus Polyethylen oder selbst aus herkömmlichem Neugranulat – bei einmaligem Gebrauch allesamt besser abschneiden als Tragtaschen aus Papier.

Auch beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) heisst es dazu: «Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung sind Kunststoffe aus der Sicht von Ökobilanzen oft wertvolle und effiziente Werkstoffe, so belasten beispielsweise Versandhüllen von Zeitschriften aus Kunststoff die Umwelt tendenziell weniger als Papiercouverts.» Wie die Empa plädiert auch das Bafu dafür, bei der Wahl des Verpackungsmaterials die Ökobilanzen zu berücksichtigen, welche «die Umweltbelastung eines Produktes über den gesamten Lebenszyklus betrachten».

Aldi und Lidl müssen zurückkrebsen

Bei Verpackungen sei das noch wichtiger als bei Tragtaschen, denn Verpackungen seien ja kein Selbstzweck, sagt Empa-Forscher Hischier. «Die primäre Funktion einer Verpackung ist der Schutz des Produkts, etwa bei Lebensmitteln. Das Material, das eine optimale Schutzfunktion bietet, ist in der Regel auch jenes, das die beste Ökobilanz hat.» Denn: Verdirbt das Produkt, nützt auch die umweltfreundlichste Verpackung nichts. Das mussten beispielsweise auch die Discounter Aldi und Lidl einsehen. Nachdem diese Anfang 2019 grossmundig verkündet hatten, Salatgurken in Deutschland fortan ohne Plastikfolie zu verkaufen, mussten sie nur wenige Monate später zurückkrebsen und die Folie wieder einführen – weil die Gurken plötzlich reihenweise verdarben.

Um solche Fehlentscheide zu vermeiden, sollten sich Unternehmen davor hüten, dem Plastik ganz abzuschwören, sagt Hischier. Denn aufgrund seiner Beschaffenheit habe dieses grosse Vorteile gegenüber anderen Materialien. Kartonverpackungen seien zum Beispiel meist deutlich schwerer als jene aus Plastik und führten so zu einer höheren Umweltbelastung. Auf den Einwand hin, dass andere Materialien bei mehrmaligem Gebrauch umwelttechnisch besser abschneiden als Plastik, entgegnet Hischier:

«Es ist nicht verboten, auch einen Plastiksack mehrmals zu brauchen, das ist reine Gewohnheit.»

Und bei den Plastikverpackungen gebe es ebenfalls bereits rezyklierbare Optionen. Diese würden in Zukunft noch wichtiger.


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