«Auf jeden Fall höher als 65»: Der Chef der grössten Sammelstiftung der Zentralschweiz fordert ein höheres Rentenalter

WIRTSCHAFT ⋅ Peter Fries, Chef der PKG Pensionskasse, spricht über Anlagestrategien, Arbeitslosigkeit und den richtigen Umwandlungssatz.

12. September 2020, 05:12

Maurizio Minetti

Maurizio Minetti

Als PKG-Chef leiten Sie die grösste Sammelstiftung der Zentralschweiz. Wie stark tangiert die Coronakrise die Pensionskassen?Peter Fries: Gleich zu Beginn des Lockdowns sind die Börsen eingebrochen und unsere Anlageperformance war entsprechend negativ. Das dürfte bei den meisten anderen Kassen auch der Fall gewesen sein. Sie ist zwar aktuell immer noch negativ, aber nur noch leicht. Ich gehe davon aus, dass die coronabedingte Negativperformance bis Ende Jahr wieder ausgeglichen sein wird. Unter dem Strich sind wir also bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Einige angeschlossene Firmen gerieten aber in eine finanzielle Schieflage. Darum haben wir zum Teil vorübergehend Beitragszahlungen gestundet, das heisst aufgeschoben.Die PKG besitzt auch Immobilien. Sind Sie den Geschäften bei der Miete ebenfalls entgegengekommen?Anfänglich wollten wir auch hier die Zahlungen aufschieben, doch die Lage hat sich später dramatisch verschlechtert. Darum haben wir beschlossen, zwei Drittel der Geschäftsmieten während der Zeit des Lockdowns zu erlassen. Weil wir relativ wenig Geschäftsmieter haben, betrifft dies nur zehn Parteien. Für die Betroffenen war dies aber zum Teil existenziell. Bei Häusern, die wir nur teilweise besitzen, haben wir ebenfalls Lösungen gefunden. Gesamthaft hat uns das 100'000 Franken gekostet.In der Zentralschweiz gab es wegen der Coronakrise bereits Entlassungen. Die Vorsorgeeinrichtungen werden dadurch auch tangiert. Wie reagieren Sie?Wir bieten den betroffenen Versicherten in Zusammenarbeit mit unserem Rückversicherer ein Case-Management an. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir Personen über 50, die ihren Job verlieren, beraten, um sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dieses Jobcoaching war in den letzten Monaten in einzelnen Fällen bereits erfolgreich. Leider ist anzunehmen, dass es weiterhin zu Entlassungen kommen wird, darum werden wir diese Dienstleistung vorerst weiter anbieten. Glauben Sie, dass es vermehrt zu langfristiger Arbeitslosigkeit kommt?Wenn unsere Kunden Massenentlassungen planen, sollen sie uns das melden, damit wir möglichst früh handeln und so verhindern können, dass die Betroffenen in die langfristige Arbeitsunfähigkeit abrutschen, also etwa krank werden. Von arbeitslosen Personen werden normalerweise im Schnitt 10 Prozent längerfristig arbeitsunfähig, aktuell sind es eher gegen 20 Prozent. Ich sehe also leider tatsächlich das Risiko von steigender langfristiger Arbeitslosigkeit, verbunden mit zunehmender Arbeitsunfähigkeit. Bei Invalidität müssen wir Renten zahlen. Wir bieten unsere Dienstleistung also natürlich auch aus finanziellen Überlegungen an, sehen uns als Pensionskasse aber auch gesellschaftlich dazu verpflichtet.Sie verwalten ein Vermögen von 7,6 Milliarden Franken. Führt die Coronakrise zu einer Änderung ihrer Anlagestrategie?Wir investieren traditionell rund 30 Prozent in Aktien. Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass ein starker Börseneinbruch zu einer negativen Performance führt. Als Pensionskasse ist es aber wichtig, langfristig zu planen und nicht in Aktionismus zu verfallen, sobald die Märkte verrücktspielen. Für solche Fälle besitzen wir Schwankungsreserven. Wir sehen also keinen Anlass, unsere Anlagestrategie zu ändern.Laut der neusten Pensionskassenstudie von Swisscanto lag die Spannbreite der erzielten Renditen von Schweizer Pensionskassen letztes Jahr zwischen 3 Prozent und 19,3 Prozent. Höhere Renditen bedeuten in der Regel auch höhere Verzinsungen der Altersguthaben. Die PKG befindet sich mit einer Rendite von knapp 12 Prozent im Mittelfeld. Hätte ein höherer Aktienanteil nicht mehr Rendite gebracht?Wahrscheinlich schon. Man muss aber immer zwischen potenzieller Rendite und potenziellen Risiken abwägen. Mit einem Aktienanteil von 30 Prozent sind wir bisher gut gefahren. An dieser Quote wollen wir kurzfristig auch nicht rütteln.Angesichts des Anlagenotstands wird von Pensionskassen auch erwartet, dass sie vermehrt in hiesige Start-ups investieren.Hier sind wir aus Risiko- und Kostenüberlegungen eher zurückhaltend. Der Bereich Private Equity macht aktuell 1,3 Prozent unseres Volumens aus, wir streben aber einen Anteil von 2 Prozent an. Ob wir diesen Anteil künftig erhöhen werden, wird sich zeigen. Nächstes Jahr werden wir unsere Anlagestrategie erneuern.Die PKG ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Nehmen Sie noch neue Unternehmen auf oder haben Sie die kritische Grösse erreicht?Tatsächlich haben wir mittlerweile eine Grösse erreicht, die es uns erlaubt, die Skaleneffekte weitgehend auszunutzen. Neue Unternehmen werden wir aber weiterhin aufnehmen. Solange der Markt wächst, wachsen auch wir. Ins Unermessliche werden wir aber nicht wachsen. Wir sind bei der Aufnahme relativ strikt. Rund die Hälfte der Gesuche lehnen wir ab.Welche Firmen lehnen Sie ab?Wir haben klare Kriterien. Unser Durchschnittskunde beschäftigt rund 21 Mitarbeitende. Das soll auch so bleiben, darum nehmen wir keine Kleinstbetriebe auf. Auch möchten wir keine Firmen aufnehmen, deren Durchschnittsalter höher liegt als unser Bestand. Die Rentenbestände sollten ebenfalls nicht höher sein als im bestehenden Durchschnitt. Wir wissen, dass es für solche Firmen schwierig ist, einen Anschluss zu finden, aber die Sicherheit und die Struktur der Vorsorge unserer bestehenden Versicherten steht für uns im Vordergrund.Wenn Unternehmen eine neue Pensionskasse suchen, engagieren sie oft Versicherungsbroker. Diese verlangen von den Pensionskassen bei einem Abschluss eine Gebühr. Dieses Modell ist umstritten, weil Broker so einen Anreiz haben, Firmen zu jener Pensionskasse zu führen, die mehr bezahlt. Was halten Sie davon?Der Brokerkanal ist für uns sehr wichtig. Aber es stimmt, dass das Entschädigungsmodell problematisch ist. Ein möglicher Ansatz wäre eine einheitliche Entschädigung. Dass also alle Pensionskassen gleich hohe Entschädigungen bezahlen. Gleichzeitig werben die grossen Versicherer kaum mehr Unternehmen für ihre Sammelstiftungen an. Die Zinsen sind tief und es gibt viele Vorgaben. Lohnt sich die Führung von Sammelkassen überhaupt noch?Ja, denn wir sind nicht gewinnorientiert. Wir verstehen uns eher als Selbsthilfeorganisation. Unsere einzige Aufgabe ist es, für unsere Versicherten die Vorsorge effizient zu gestalten. Wichtig ist aber, dass die Politik die richtigen Grundlagen schafft.Die berufliche Vorsorge ist ein Dauerthema in der Politik. Was läuft Ihrer Meinung nach schief?Gewisse technische Werte sollten entpolitisiert werden. Schauen Sie sich den höchst umstrittenen Umwandlungssatz an, also den Prozentsatz des angesparten Kapitals, der den Pensionierten als Rente jährlich ausbezahlt wird. Der politische Kompromiss beträgt heute 6,8 Prozent im Minimum. Die Menschen werden aber immer älter und die jüngeren Generationen werden so unverhältnismässig zur Kasse gebeten. Wir haben eine Senkung auf 5,4 Prozent beschlossen. Angesichts der demografischen Situation dürfte der Umwandlungssatz weiter sinken. Er müsste eigentlich schon heute unter 5 Prozent liegen. Soll Ihrer Meinung nach gleichzeitig das Rentenalter erhöht werden?Das Rentenalter sollte für Mann und Frau auf jeden Fall höher sein als 65. Die Politik tut sich aber seit Jahren sehr schwer damit. Eine Lösung wäre nach meiner Meinung ein Automatismus, der mit der steigenden Lebenserwartung gekoppelt ist. Das meine ich mit der Entpolitisierung technischer Werte: Es bringt doch nichts, wenn wir in zehn oder zwanzig Jahren erneut darüber debattieren, ob das Rentenalter nun wieder um zwei oder drei Jahre erhöht werden soll.

Login