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Fussball-WM

WM in Katar: Fans sprechen sich deutlich für Entschädigungsfonds zugunsten der Arbeitsmigranten aus

Laut einer Umfrage von Amnesty International fordern 81 Prozent der Schweizer, dass die Fifa Arbeitsmigranten entschädigt.

Etwas mehr als zwei Monate dauert es noch, bis die Fussball-WM in Katar beginnt. Es wird eine WM wie keine andere, aus verschiedenen Gründen. Da ist der ungewohnte Zeitpunkt, im Winter statt im Sommer. Da ist der ungewohnte Austragungsort, ein winziger Wüstenstaat auf der arabischen Halbinsel, der die WM-Infrastruktur innerhalb weniger Jahre aus dem Boden stampfen musste.

Und da ist, vor allem, die Vorgeschichte. Arbeitsmigranten aus Südostasien schufteten für die WM in Katar unter unmenschlichen Bedingungen. Die Menschenrechte von Hunderttausenden, die Stadien, Hotels, Verkehrswege oder andere Infrastrukturen für die WM erstellten, wurden laut Amnesty International verletzt.

Mit anderen Menschenrechtsorganisationen verlangte Amnesty daher im Mai in einem offenen Brief von der Fifa, dass sie einen Fonds einrichten soll, um betroffene Arbeitsmigranten zu entschädigen.

Insbesondere Fussballfans nehmen Fifa in die Pflicht

Jetzt zeigt sich, dass diese Forderung in der Bevölkerung gut ankommt. Das geht aus einer Umfrage hervor, die Amnesty International in Auftrag geben hat. Drei Viertel der 17000 Befragten in insgesamt 15 Ländern, mehrheitlich europäischen, aber auch den USA, Argentinien oder Marokko, sprechen sich für die Einrichtung eines solchen Fonds aus.

In der Schweiz waren es gar 81 Prozent. Und unter jenen, die angeben, mindestens ein Spiel der WM schauen zu wollen, ist die Quote noch höher: 86 Prozent. Gerade Fussballfans nehmen die Fifa in die Pflicht. Lisa Salza von Amnesty International Schweiz sagt, die Umfrageergebnisse senden «ein deutliches Signal» an den Welt-Fussballverband.

Der Entschädigungsfonds soll mit 440 Millionen Dollar gefüllt werden. Das entspricht der Summe, welche die Fifa an der WM an Preisgeldern ausschüttet. Das Geld ist etwa für Arbeitsmigranten gedacht, denen Löhne nicht bezahlt wurden. Auch Vermittlungsgebühren sollen erstatt werden. Diese mussten viele der Männer aus Pakistan, Indien oder Nepal überweisen, um an einen Job in Katar zu kommen. Weiter sollen Entschädigungen an die Familien von Arbeitsmigranten fliessen, die sich bei den Bauarbeiten verletzten oder gar starben. Schliesslich sollen auch Initiativen finanziert werden, die sicherstellen, dass die Arbeiterrechte in Katar auch künftig gewahrt werden.

Im Land wurden in den vergangenen Jahren wegen des öffentlichen Drucks teilweise weitgehende Reformen des Arbeitsrechts durchgeführt. Weil diese aber laut Amnesty International nur mangelhaft durchgesetzt werden, kommt es weiterhin zu «schwerwiegenden Verstössen».

SFV soll sich klar bekennen

Lisa Salza sagt, die Umfrage zeige, dass die Fans keine WM wollten, die unauslöschlich mit Menschenrechtsverstössen behaftet ist. «Begangene Menschenrechtsverletzungen sind nicht mehr rückgängig zu machen, aber mit einem Entschädigungsprogramm können die Fifa und Katar ein gewisses Mass an Wiedergutmachung anbieten», sagt Salza.

In der Umfrage wurde auch erfragt, ob die Bevölkerung eine klare Stellungnahme der Fussballverbände in Sachen Entschädigungsfonds erwartet. 70 Prozent der Befragten in der Schweiz bejahten dies.

Dominique Blanc, der Präsident des SchweizerischenFussballverbands, hat sich zwar im Juni gegenüber dieser Zeitung erstmals öffentlich für einen Wiedergutmachungsfonds ausgesprochen. Amnesty International stört sich aber daran, dass der SFV bisher keine offizielle Erklärung abgegeben hat, in der er die Fifa ausdrücklich auffordert, einen solchen einzurichten. Der Weltfussballverband seinerseits hat bisher noch nicht entschieden, ob er auf die Forderung eingeht.

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