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Ruder-WM

Wie eine Olympiamedaille eine ganze Generation inspirierte: Darum hat die Schweiz heute so viele Grossboote

Bei der Ruder-WM in Tschechien stehen auffallend viele Schweizer Grossboote im Einsatz. Es ist ein Folge von Olympia 2016 und der Goldmedaille des Leichtgewichtsvierers mit den Zentralschweizern Mario Gyr und Simon Schürch. Der Sieg motivierte viele Jugendliche. Auch den 21-jährigen Luzerner Patrick Brunner.  

Als Mario Gyr, Simon Schürch, Lucas Tramèr und Simon Niepmann in Rio 2016 im leichten Vierer zu Gold ruderten, verfolgte Patrick Brunner das Rennen zuhause in Sempach. Er war 15 Jahre alt und betätigte sich im lokalen Seeclub. Auf eine Karriere im Spitzensport deutete noch nicht viel hin. Brunner hatte zwar Vorbilder aus der Region. Etwa André Vonarburg oder Florian und Christian Stofer, alles Olympiateilnehmer. Doch das Viererteam, das mit vermeintlicher Leichtigkeit der Goldmedaille entgegenflog, hatte eine spezielle Ausstrahlung. «Das gab schon enorm Motivation», sagt Brunner rückblickend.

Der Olympiasieg von 2016 löste vieles aus. Mario Gyr, das damalige Aushängeschild des Schweizer Rudersports, zog mit seiner Goldmedaille durch die Schulen der Zentralschweiz und hielt Vorträge. Es kam dazu, weil er relativ viele Lehrerinnen und Lehrer in seinem privaten Umfeld habe, sagt Gyr. «Aber es ist so: Wir wollten eine Generation inspirieren.» Gyr, Schürch, Tramèr und Niepmann sendeten noch ein anderes entscheidendes Signal an die Jugend. Sie bewiesen, dass man auch mit bescheideneren Körpermassen als Xeno Müller (in Atlanta 1996 wog er 100 kg bei 1,90 m) Olympiasieger werden konnte.

Die Teenager von 2016 sind mittlerweile junge Erwachsene. Sie blieben dem Rudersport treu und sie sorgen heute dafür, dass das Schweizer Ruderkader eine nie dagewesene Breite hat. Verbandsdirektor Christian Stofer hebt auch die Rolle der Ruderklubs hervor. Er sagt: «Dank der guten Nachwuchsarbeit in den Klubs und in unseren Nachwuchskadern haben wir die Nationalmannschaft verbreitern können.» Die Breite ist selbstredend der wichtigste Faktor bei der Zusammenstellung von Grossbooten. Ein Viererboot braucht innerhalb eines Olympiazyklus’ mehr als nur vier Athleten. «Eigentlich brauchst du zehn gute Leute», sagt Gyr.

Alleine trainieren, ist nicht sein Ding

Bei der WM im tschechischen Racice, die am Sonntag beginnt, stehen drei Schweizer Grossboote im Einsatz. Das gab es in den letzten Jahren nie. Bei den Frauen ist es der Doppelvierer, der bereits im Weltcup auf dem Podest landete. Bei den Männern hat man mit dem Vierer ohne Steuermann und dem Doppelvierer zwei Grossboote im Rennen. Alle drei Formationen haben mindestens die Chance, den A-Final zu erreichen. Der Doppelvierer mit Patrick Brunner, Kai Schätzle, Nils Schneider und Dominic Condrau hatte dieses Ziel zuletzt an der EM in München verpasst. Das Durchschnittsalter der Equipe liegt bei 22 Jahren, für drei von vier Athleten waren es die ersten Titelkämpfe. Brunner sagt: «Resultatmässig war es eine Enttäuschung, aber die Erfahrung war enorm wertvoll.»

Mit dem fünften Rang beim Weltcup in Polen sowie dem sechsten Platz beim Weltcup-Auftakt in Belgrad gelang dem Boot ein verheissungsvoller Start auf der internationalen Bühne. Die Perspektiven sind gut. Das nächste Etappenziel im Olympiazyklus ist die WM 2023 in Belgrad. Dann geht es um die begehrten Quotenplätze für die Sommerspiele in Paris. In den letzten Wochen haben sie in den Trainings in Sarnen die Sitzreihenfolge optimiert. Patrick Brunner ist der neue Schlagmann, er gibt nun den Rhythmus vor. Teamkollege Kai Schätzle rutschte eine Position nach hinten.

Brunner kennt die Aufgabe des Schlagmanns aus früheren Jahren. «Ich denke, wir fühlen uns in der neuen Besetzung alle wohler», sagt er. Das Feld an der WM ist noch etwas stärker besetzt als an der EM. Nebst den Europäern sind nun auch die Boote aus Übersee mit dabei. Allen voran die Chinesen, die wohl zu den Topfavoriten gehören.

Für Patrick Brunner und seine Teamkameraden ist der A-Final das Ziel, er findet am nächsten Samstag statt. Tschechien wird zugleich Höhe- und Schlusspunkt der Saison sein. Danach stehen drei Wochen Ferien auf dem Programm, anschliessend eine Woche selbstständiges Training. «Im Winter trainieren wir viel alleine. Ich bin aber mehr der Teamsportler», sagt Brunner. Es ist eine Aussage, die auch von Mario Gyr stammen könnte.

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