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England

"Three Lions" lecken die Wunden

Erneut ist England gescheitert. Es ist ein brutales Ausscheiden aus der WM in Katar, begleitet aber auch von der Hoffnung auf ein baldiges Ende der langen Durststrecke.
Bild: KEYSTONE/EPA/Ronald Wittek

Vorerst ist man in England vor allem eines: untröstlich. Die BBC stellte fest: "Es fühlt sich noch schmerzhafter an." Noch schmerzhafter als die Halbfinal-Niederlage vor vier Jahren gegen Kroatien, noch brutaler als der verlorene EM-Final im letzten Jahr gegen Italien. Die Geschichte des Scheiterns ist um ein Kapitel länger. Die selbstironische Hymne "Football's Coming Home" könnte eine zusätzliche Strophe erhalten.

Oftmals stand sich England in der Vergangenheit selbst im Weg mit dem Ziel vor Augen, den ersten grossen Titel seit 1966 zu gewinnen. Mal zerfleischt von der heimischen Presse, mal erdrückt vom Druck der Fans. Aber am Samstagabend im Al-Bayt Stadium waren die "Three Lions" entschlossen, engagiert und nie resigniert. Sie griffen an, trotzten den Rückschlägen und verloren bei allem Engagement und aller Zielstrebigkeit nie die taktische Ordnung.

Dass am Ende doch ein verschossener Penalty, ein englischer Fehlschuss, mitverantwortlich war für das Scheitern, passte in den Gesamtkontext der jüngsten englischen Fussballgeschichte, aber nicht zum Bild dieser jungen, mutigen Mannschaft. Es sei wie ein Kinnhaken, beschrieb der unglückliche Kane seine Gefühlswelt nach dem in der 84. Minute weit übers Tor geschossenen Penalty. "Es wird noch eine Weile weh tun."

Auch wenn ganz England "Haus und Hof auf Kane gewettet hätte" (The Guardian), so geriet der Captain und neue Rekordtorschütze Englands nicht in die Kritik. Er ist der Anführer einer Mannschaft, die den Engländern ans Herz gewachsen ist in den letzten Jahren und vor allem in den Wochen in Katar. Der Viertelfinal gegen Frankreich war trotz der Niederlage mehr Bestätigung für das Gezeigte als ein Rückschlag. Auch wenn Trainer Southgate nach einer insgesamt positiven Matchanalyse mit den Worten schloss: "Das Ergebnis ist aber alles, was zählt."

Fast alles richtig gemacht

Nach der katastrophalen Nations-League-Kampagne mit dem Abstieg in die Liga B war Southgate in die Kritik geraten. Schon zirkulierten die ersten Namen von potenziellen Nachfolgern in den Medien. Gegen Frankreich dürfte er seinen Ruf in taktischer Hinsicht aufgebessert haben. "Die Taktik war gut", hielt Declan Rice fest. "Wir haben so gespielt, wie man muss. Wir waren aggressiv und haben Mbappé gestoppt."

Alles, was Southgate während dieser WM getan hat, war überzeugend. Der 52-Jährige ging mit jeder Situation souverän um, beim Festhalten am kritisierten Harry Maguire, beim Kommunizieren rund um die Heimreise von Raheem Sterling nach dem Einbruch in dessen Haus oder bei der Wahl der Einwechslungen seiner starken Ersatzleute. Seine Überzeugung war so gross, dass seine sonst so skeptischen Landsleute an den grossen Coup glaubten. "Wir waren hier, um das Turnier zu gewinnen. Und nach dem Match, den wir gegen den Weltmeister gezeigt haben, glaube ich erst recht, dass wir die Mannschaft gehabt hätten, um es zu schaffen."

England hat Zukunft

Das Positive aus englischer Sicht ist, dass England auch in den kommenden Jahren die Spieler haben wird, um es zu schaffen. Jude Bellingham ist 19, Bukayo Sako 21, Phil Foden 22, Declan Rice und Mason Mount 23 und Marcus Rashford 25. Auch Harry Kane hat mit seinen 29 Jahren voraussichtlich noch grosse Turniere vor sich. Der ehemalige Nationalstürmer und heutige TV-Experte Gary Lineker meinte: "Diese tolle junge englische Mannschaft hat alles gegeben und wird nur noch besser. Ihre Zeit wird kommen."

Southgate hat noch einen Vertrag bis 2024. Seine Zukunft hielt er aber vorerst offen. "Es ist sehr emotional. Du hast so viele unterschiedliche Gefühle bei so einer WM. Es kostet so viel Energie, enorm viel Energie." Er brauche jetzt etwas Zeit, um sich Gedanken zur Zukunft zu machen. (sda)

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