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Analyse

Start der neuen Eishockey-Saison in der National League: Eine wilde Party mit Nebenwirkungen

Am Mittwoch beginnt die neue Saison. Eine Analyse. 

So gut, so teuer, so riskant wie noch nie – na und? Die Geschichte lehrt uns: Nach einer Krise geht es noch wilder zu und her als vor der Krise. All die klugen Reden, nach den schwierigen Zeiten seien alle vernünftiger, sind schneller vergessen als sich ein Morgennebel aufzulösen vermag. So war es zu allen Zeiten. So ist es in allen gesellschaftlichen Bereichen und so ist es nun eben auch im Eishockey.

Die erste Saison ohne Einschränkungen nach der Pandemie wird die teuerste, unvernünftigste aber mit ziemlicher Sicherheit auch die beste der Geschichte. Mit einer 14er-Liga (erstmals hat unsere höchste Spielklasse so viele Teams), die mit einer maroden Swiss League keine tragfähige Basis mehr hat, mit so vielen und so teuren Ausländern wie noch nie. Die neue Ausländerregelung – die Erhöhung von 4 auf 6 pro Team -, ohne jede Not eingeführt, beschert der National League 28 neue hochkarätige, aber eben auch teure ausländische Profis. Sie verursacht Zusatzkosten von insgesamt mindestens 15 Millionen Franken. Wir stehen vor der teuersten Saison seit Einführung einer Meisterschaft 1908. Es ist noch nicht zwei Jahre her, da haben die Klubs um Steuergelder gebettelt – und sie bekommen.

Weil die russische KHL wegen des Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine für Spieler aus dem Westen kein Ziel mehr sein kann, ist unsere National League (NL) neben der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) vor allem für skandinavische Weltmeister und Olympiasieger die attraktivste Liga der Welt geworden. Noch nie hatte unser Hockey besseres ausländisches Personal. Diese Saison wird in Europa das wahre, grosse, gute Hockey in der Schweiz zelebriert. Meister Zug und die ZSC Lions haben gar das Potenzial, um die Champions Hockey League zu gewinnen.

Die Fans kommen auf ihre Rechnung. In so guten Stadien wie noch nie (bereits im Oktober hat auch Zürich einen neuen Hockey-Tempel), mit so viel TV-Präsenz wie noch nie und so viel Spektakel wie noch nie: Die ersten Sechs sind direkt für die Playoffs qualifiziert und für diese sechs Plätze kommen elf Teams in Frage.

Parallel dazu tragen Langnau, Ajoie und Aufsteiger Kloten die Kellermeisterschaft aus: Wer Rang 12 erreicht, hat vorzeitig den Ligaerhalt gesichert. Favorit ist Kloten. Ganz oben in der richtigen Meisterschaft werden Zug und die ZSC Lions erwartet – und nach der grössten Transferoffensive seiner Historie direkt dahinter der SC Bern. Wir ahnen es: hohe Erwartungen – und die gibt es auch in Lugano, Biel, Rapperswil-Jona, Davos, Ambri, Fribourg, Genf und Lausanne - begünstigen das Flugwetter. Ganz besonders in Zürich und Bern. Spielen ihre Teams nicht um Spitzenpositionen, dann brauchen Rikard Grönborg und Johan Lundskog keinen Wintermantel. Und wenn Thierry Paterlini im neuen Jahr in Langnau nach wie vor an der Bande steht, ist er schon fast Trainer des Jahres.

Bei so viel Konkurrenz: Wie weiter für die Nati-Spieler?

Aber das grosse Spektakel steht auf wirtschaftlich dünnem Eis. Es wäre eigentlich angebracht, zur Vernunft zu mahnen und zu warnen. Nicht bloss ein notorischer Nörgler, wer sich beispielsweise erkundigt, wie ein neuer Leonardo Genoni oder Reto Berra (beide sind 35) heranwachsen soll, wenn bereits fünf Teams auf ausländische Torhüter vertrauen. Die Frage ist auch, ob sechs Ausländer pro Team der Nationalmannschaft (Patrick Fischer möchte ja 2026 bei der WM im eigenen Land Weltmeister werden) schaden. Zur Beruhigung: Da die Nationalspieler ihren Platz in ihren Teams haben, werden sie durch die zusätzliche ausländische Konkurrenz stärker gefordert und somit besser. Aber wo ist noch Platz für unsere Nachwuchsspieler?

Bei aller berechtigten Skepsis: Wenn Eishockey so vielen Unternehmen, Männern, Frauen und Kindern so wichtig ist, dass nach den zwei finanziell schwierigsten Jahren der Neuzeit nun noch mehr Geld als vor der Krise ausgegeben wird – dann dürfen wir egoistisch sein und uns fürs Hockey freuen und mit Bertold Brecht sagen: Das Spektakel kommt vor der sportlichen Moral. Zwar folgt nach jeder wilden Party ein neuer Tag. Eine alte Weisheit lehrt: Beurteile die Qualität des Weines nicht, während Du ihn trinkst. Sondern erst, nachdem Du am nächsten Morgen aufgewacht bist.

Der Wein (die Meisterschaft) dürfte der beste, aber auch der teuerste seit Menschengedenken sein. Mit allerlei Zutaten, deren Wirkung auf das längerfristige wirtschaftliche und sportliche Wohlsein unseres Hockeys noch unbekannt sind. Eine wilde Party mit Nebenwirkungen also. Ob wir in zwei, drei Jahren mit Kopfweh aufwachen werden, wissen wir nicht. Und wenn es so sein sollte, dann tröstet wiederum eine Erfahrung aus der Geschichte: Der Sport mit der ihm innewohnenden Dynamik und Flexibilität vermag Fehlentwicklungen erstaunlich rasch zu korrigieren und Krisen zu meistern.

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