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Schwimmen, Ausblick Schwimmsaison 2022

Nach den historisch guten Resultaten im vergangenen Jahr mit Medaillengewinnen an jedem Grossanlass darf die Schweizer Schwimmelite mit grosser Zuversicht auf das reich befrachtete 2022 blicken. Fragezeichen bestehen allerdings beim Teamleader.

Egal, ob an Wettkämpfen auf der Lang- oder Kurzbahn oder auf europäischem oder Weltniveau, die Schweizer Schwimmerinnen und Schwimmer sorgten letztes Jahr in zuvor noch nie dagewesener Regelmässigkeit für Glanzlichter in Form von Medaillen. Deren zwei gab es sogar im olympischen Pool von Tokio, in welchem Jérémy Desplanches über 200 m Lagen und sensationell Noè Ponti über 100 m Delfin jeweils Bronze gewannen. Mitverantwortlich für die Hausse von Swiss Aquatics zeichneten sich auch Antonio Djakovic, Roman Mityukov, Lisa Mamié und Maria Ugolkova.

Wann das nächste grosse Rendezvous im internationalen Schwimmsport stattfinden wird, darüber besteht erst seit Anfang Februar Klarheit. Dannzumal setzte der Weltverband Fina die kurz zuvor verschobenen Weltmeisterschaften in Fukuoka, die für Mitte Mai vorgesehen waren und wegen Covid-19-Vorsichtsmassnahmen in Japan nun erst im Sommer 2023 ausgetragen werden können, ab dem 18. Juni in Budapest neu an.

Schweizer Verband mit Rückgrat

Wegen des russischen Einmarsches in der Ukraine war für das Schweizer Top-Sextett die WM-Teilnahme allerdings wieder fraglich. Swiss Aquatics gab Mitte März bekannt, die Titelkämpfe in der ungarischen Hauptstadt zu boykottieren, falls dort russische und belarussische Sportler mit von der Partie sein dürfen. Im Gegensatz zum schnell reagierenden europäischen Schwimmverband, der diese Athleten mit einem Startverbot belegte, wollte die Fina sie unter neutraler Flagge starten lassen. Erst in der vergangenen Woche kam der lange zögernde Weltverband auf seinen Entscheid zurück und sperrte die Russen und Belarussen.

Als Konsequenz daraus muss sich die Fina auch für einen neuen Organisator der nächsten Kurzbahn-Weltmeisterschaften umsehen. Diese waren für kommenden Dezember im russischen Kasan geplant. Wichtiger als die WM im 25-m-Becken und wichtiger auch als Budapest sind aus Sicht des Schweizer Schwimmverbandes die Europameisterschaften vom 11. bis 17. August in Rom. Die kontinentalen Titelkämpfe werden mit bis zu 20 Schweizer Schwimmerinnen und Schwimmer beschickt. Um diese Delegationsgrösse zu erreichen, profitiert der Nachwuchs von erleichterten Limiten.

Pontis gelungener Test

Zunächst stehen jedoch einmal mehr in Budapest, das dank grossen finanziellen Garantien in den vergangenen Jahren fast inflationär Schwimm-Grossanlässe zugesprochen erhielt, die nächsten Titelkämpfe an. Für diese waren die Schweizer Cracks aufgrund der 2021 erreichten Resultate vorqualifiziert. Desplanches, Ponti und Co. mussten für das definitive Ticket nach Ungarn einzig noch eine Leistungsbestätigung erbringen. Das war für das Sextett an den Schweizer Meisterschaften von letzter Woche in Uster nur eine Formsache.

Bereits wieder für Aufsehen sorgte dabei im Zürcher Oberland Noè Ponti. Der Tessiner kam ohne spezielle Vorbereitung nahe an seine Schweizer Rekorde heran. Über 200 m Delfin realisierte er weltweit die drittbeste Zeit der noch jungen Langbahn-Saison und erhielt er Gewissheit, dass der eingeschlagene Weg über Budapest nach Rom stimmt. "Auch wenn die SM für mich nicht der wichtigste Wettkampf des Jahres ist, so ist sie doch ein guter Test. Ich will jedes Mal, wenn ich ins Wasser springe, schnell schwimmen", so Ponti. Test zu 100 Prozent gelungen, kann sich der 20-Jährige sagen.

Von Ponti, aber auch von den weiteren Youngsters Antonio Djakovic (19) und Roman Mityukov (21) sowie ebenfalls von Lisa Mamié (23), sind im weiteren Verlauf der Saison neuerlich persönliche Bestleistungen und damit wohl Medaillengewinne zu erwarten. Auch Maria Ugolkova ist im Idealfall weiterhin für Top-5-Resultate gut. Die 32-Jährige entschloss sich nach ihren herausragenden Leistungen im nacholympischen Herbst zur Fortsetzung der Karriere.

Desplanches leidet

In gewollt anderer Situation befindet sich Jérémy Desplanches. Er trainiert seit einigen Monaten und dem Wechsel von Nizza nach Martigues zum fordernden Erfolgscoach Philippe Lucas "wie ein Verrückter". Dementsprechend gross ist die Müdigkeit beim 27-jährigen Genfer, "körperlich wie mental", wie er betont. Er präsentierte sich in Uster deshalb nur als Schatten seiner selbst. Den grössten Antrieb zur radikalen Umstellung des Trainings erhielt Desplanches ausgerechnet in Tokio, "weil ich als Dritter schliesslich mehr als eine Sekunde hinter dem Olympiasieger zurückblieb".

Zu was der langjährige Schweizer Medaillen-Garant heuer fähig sein wird, wird sich zeigen. Wohl noch nicht in Budapest, aber dann hoffentlich im August in Rom kann Desplanches wieder aus dem Schatten treten und die ersten Früchte seines gewagten Experiments ernten. "Langfristig wird sich der Neuanfang lohnen", ist er überzeugt. (sda)

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