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Von der Katastrophe zum Leuchtturm

Nach tagelangem Regen sind die Mergelschichten am Rossberg mit Wasser vollgesogen. Felsen kommen ins Rutschen. Innert dreier Minuten stürzen vierzig Millionen Kubikmeter Nagelfluhgestein tausend Meter ins Tal. Die Dörfer Goldau, Röthen sowie Teile von Buosigen und Lauerz werden zerstört. 457 Menschen verlieren ihr Leben – sie haben keine Chance zur Flucht.

Diese Katastrophe vom 2. September 1806 kennt die ganze Schweiz als den Bergsturz von Goldau. Seit Anfang dieses Jahres können die Besucherinnen und Besucher des Natur- und Tierparks Goldau die drei Minuten Bergsturz in einem multidimensionalen Simulator miterleben. Der Einsiedler Roman Kälin schuf für die «Erlebnishalle Bergsturz» im neuen Eingangsbereich des Tierparks einen bewegenden Katastrophenfilm über das Unglück. Wer aus dem Kino kommt, ist froh, das Tageslicht zu sehen, wird die topmoderne Ausstellung der Stiftung Bergsturzmuseum Goldau über den Bergsturz verstehen und dann auch die Nagelfluhblöcke im Park mit anderen Augen sehen.

Der Goldauer Schutt lag brach, und erst mit der Arth-Rigi-Bahn, der Gotthardbahn und dem Bau des Bahnhofs Arth-Goldau kam wieder Schwung in die Gegend. In einem Teil des von den Bahnen ungenutzten Geländes schufen Eisenbahner in ihrer Freizeit einen kleinen Zoo. 1925 wurde dann der Tierpark als Verein gegründet. Er hat sich dank Kreativität, Schaffenskraft, Mut und Einsatz zu dem entwickelt, was er heute ist: ein Leuchtturmprojekt für den Kanton Schwyz! Allein in den letzten zwölf Jahren wurden Investitionen von 55 Millionen Franken gestemmt, die vor allem durch das regionale Gewerbe ausgeführt wurden. Dies alles, ohne einen Schuldenberg anzuhäufen. 

Der nigelnagelneue Empfangsbereich mit der hellen Piazza, der «Erlebnishalle Bergsturz» und dem «Zauberwald» als riesigem Indoor-Spielplatz bildet heute einen der schönsten Zooeingänge Europas. Was vor hundert Jahren mit Tiergehegen der Eisenbahner begann, ist heute ein wissenschaftlich geführter Zoo, das wohl grösste Klassenzimmer der Schweiz, ein beeindruckender Erlebnisort für Hunderttausende von Gästen.

Ein Zoo besteht zwar aus Tieren, wird aber von Menschen gemacht. Seit 1925 hat man sich dafür in einem privaten Verein organisiert. Und damit sind wir in einem Spannungsfeld: Der Tierpark wird als ein öffentliches Gut betrachtet. Der Tierpark gehört uns allen, denn wir alle dürfen schöne Natur- und Tiererlebnisse im Park erfahren. Unsere öffentlichen Bahnen, unsere öffentlichen Schulen, unser öffentliches Strassennetz: Was derart öffentlich ist, wird zur Projektionsfläche. Auch der rein privat getragene und geführte Tierpark. Alle projizieren ihre persönlichen Erwartungen an die Tierhaltung, an die Preispolitik, an die Parkplätze. Jedes Handeln, jede Investition, jede Attraktion des privaten Parks ist von öffentlichem Interesse und steht einer öffentlichen Beurteilung offen. Der Tierpark muss also öffentlichen Ansprüchen genügen – ohne selbst öffentlich zu sein. Ohne regelmässige Subventionen von Gemeinde, Bezirk, Kanton und Bund. Anders als andere grosse Zoos der Schweiz, die entweder der öffentlichen Hand gehören oder zumindest sehr bedeutende Staatszuschüsse erhalten, ist der Tierpark Goldau vollumfänglich privat. Aber eben nicht im Eigentum einer Familiendynastie oder einer Aktiengesellschaft, welche Dividenden an ihre «Shareholder» ausschütten muss.

Ich meine: Der bisherige Weg der privatrechtlichen Struktur mit den klassischen Instrumenten des Zivilgesetzbuches, mit dem breit getragenen Verein und der gemeinnützigen Stiftung hat sich hier bestens bewährt. Viel Spielraum, gute Verankerung, gesicherte Investitionen.  Eine verbindliche Fokussierung auf Natur- und Artenschutz sowie auf Bildung. Genau dies wird durch Private, durch Spenderinnen und Spender, durch die Firmen in der Region und punktuell auch durch die öffentliche Hand bei gezielten Projektfinanzierungen geschätzt und unterstützt.

Der Transparenz halber will ich bekannt geben, dass ich im Verein der «Freunde des Tierparks» engagiert bin, beim Patronat des Tierparks mitdenke und in der Stiftung Bergsturzmuseum Goldau aktiv bin. Ich bin einer unter vielen Tierpark-Fans. Ich freue mich, wenn das viele sind, um den Tierpark auch in das Jahrhundertjubiläum 2025 zu begleiten. Wir haben mit dem Tierpark Goldau ein Leuchtturmprojekt für den Kanton Schwyz. Der Turm hat schon viele Winde ausgehalten – eben wegen der breiten Verankerung in der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Politik. Freuen wir uns auf die nächsten hundert Jahre!

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