«Auch Transmenschen sollte man nie nur auf das Sexuelle reduzieren»

TRANSGENDER ⋅ Nadia Brönimann aus Lachen ist wohl die bekannteste Transfrau der Schweiz. Dem «Boten» erzählt Sie ihre persönliche Geschichte.

10. Oktober 2020, 17:32

Mit Nadia Brönimann sprach Melanie Schnider

Nadia Brönimann ist wohl die bekannteste Transfrau der Schweiz. Im Fokus der Medien stand sie schon unzählige Male. Die Geschichte von Brönimann, die vor 22 Jahren ihr biologisches Geschlecht anpassen liess, fesselte die Öffentlichkeit. Viele negative Rückmeldungen und Nadia Brönimanns Rückzug waren die Folgen. Doch nun ist sie zurück. Dem «Boten» erzählte die Schwyzerin nicht nur ihre persönliche Geschichte und ihre tiefgründigen Einsichten, sondern gab auch Tipps, wie man sich gegenüber Betroffenen verhält. Und was andererseits Transmenschen machen können, um ihre Integration zu erleichtern.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihr biologisches Geschlecht nicht Ihrem Wunsch­geschlecht entspricht?

Als ich als kleiner Junge den Kindergarten besuchte, fühlte ich mich viel mehr den Mädchen zugehörig. Ich wollte das machen, was alle Mädchen taten. Oft habe ich mit Lego Frauenfigürchen zusammengebaut oder nahm auf Fotos unbewusst sehr feminine Positionen ein. Diese Diskrepanz zwischen meinem Inneren und meinem Äusseren bemerkte ich, da ich von meinem Umfeld nicht als das gesehen wurde, als was ich mich empfand.

Wie waren die Reaktionen Ihrer Freunde und Ihrer Familie?

Das Thema Transgender war damals in den 70er-Jahren noch ein absolutes Tabu. Das war ja noch fast in der Steinzeit. (lacht) Es herrschten strikte Normen, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein hatte. Ich verriet niemandem, dass ich mich trotz meinem männlichen Körper seelisch weiblich fühlte. Auch von meiner Geschlechtsangleichung, die ich im Alter von 29 Jahren durchführen liess, erzählte ich niemandem. Dies war ein grosser Fehler.

Warum?

Der Weg als Transfrau und die Geschlechtsanpassung sind sehr lebensverändernd. Eine regelrechte Zäsur im eigenen Leben. Als Fundament für diese einschneidende Lebensveränderung braucht es neben guter Gesundheit und einer starken Psyche unbedingt ein soziales Netzwerk, ein starkes Seil, an dem man sich festhalten kann.

Was muss man beachten, wenn man seinem Umfeld erzählt, dass man als Transmensch leben möchte?

Man muss seiner Familie und seinen Freunden unbedingt Zeit lassen, um sich an diese neue Situation zu gewöhnen. Ich habe den Fehler gemacht, zu erwarten, dass mein ganzes Umfeld mein neues Ich sofort akzeptiert. Doch dies ist auch für die Angehörigen eine grosse Herausforderung, ein Prozess, der Zeit braucht. Durch Unsicherheit und Überforderung reagieren Angehörige oft mit Ablehnung. Auch wenn dies enorm schmerzt, muss man bereit sein, Freunden und der Familie Zeit zu geben. Als Transmensch darf man nicht nur Akzeptanz fordern, man muss sie auch geben. Indem man einander symbolisch die Hand reicht, kann ein Dialog beginnen.

Transmenschen können dem Umfeld Geduld und Akzeptanz entgegenbringen. Was können andererseits Freunde, Familie und das weitere soziale Umfeld tun, um den Transmenschen zu unterstützen?

Ehrlich und authentisch sein. Es gibt viele Leute, die aus Höflichkeit sagen, sie könnten mit dem Thema Trans gut umgehen. Doch trifft dies nicht zu, bemerkt man das vorgespielte Verständnis, und es schmerzt sehr. Obwohl es schwerer erscheint, ehrlich zu sein, ist die Aufrichtigkeit zentral. Nur so kann ein achtsamer Umgang entstehen. Zudem sollten wir alle nie respektlos sein und jemanden auslachen. Die Würde aller Menschen sollte stets geachtet werden. Nicht nur in der Gender­debatte.

Welche Fragen dürfen einem Transmenschen gestellt werden und welche nicht?

Dieselben Fragen, die man anderen Menschen auch stellt oder eben nicht. Es sollte der gleiche Respekt vor der Intimsphäre gewahrt werden. Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand. Wir alle haben das Bewusstsein in uns, was angebracht ist und was nicht. Zudem legt die Ausprägung der Bekanntschaft das Ausmass an Intimität fest. Einmal habe ich erlebt, wie mich auf der Damentoilette eine fremde Frau, die mich als Transfrau erkannte, fragte, ob sie mir kurz zwischen die Beine blicken dürfe. So etwas geht natürlich überhaupt nicht. Wie alle Menschen sollte man auch Transmenschen nie nur auf das Sexuelle reduzieren.

Haben Sie auch schon andere Formen der Diskriminierung erlebt?

Ja. Vor allem in der Zeit kurz vor und nach der Geschlechtsangleichung. Damals fehlte mir die Erfahrung als körperliche Frau. Ich fühlte mich unsicher, und dies zog Demütigungen förmlich an. In dieser Zeit erlebte ich öfters Erniedrigungen und wurde sogar körperlich angegriffen. Heute ist dies zum Glück nicht mehr so. Allerdings spüre ich auch heute noch, wie manchmal hinter meinem Rücken abschätzig geredet wird. Diskriminierung kann auch unterschwellig und subtil auftreten. In diesen Situationen versuche ich immer wieder, verständnisvoll und geduldig zu sein und mögliche Fragen zu beantworten. Situativ kann das Leben sowohl als Transfrau wie auch als Transmann schwierig sein. Doch ich versuche, stark zu bleiben.

Mögen Sie Ihren selbst gewählten Weg trotz diesen Bürden?

Dank diesem Weg habe ich mich sehr stark mit dem Leben und dessen Sinn beschäftigt. Oft musste ich mich durchkämpfen, doch heute lebe ich mit grosser Intensität und erachte das Leben als Geschenk. Hin und wieder frage ich mich, wie ich wäre, wäre mein Leben entsprechend der gesellschaftlichen Norm verlaufen. Doch heute ist mir bewusst, den Regenbogen kann es nur geben, wenn es regnet. Durch meine Erfahrungen als Transfrau kann ich andere zum persönlichen Reflektieren anregen, zwischen den unterschiedlichsten Persönlichkeiten Brücken des Verständnisses errichten und vielen dadurch eine neue bunte Welt eröffnen. Wenn mir dies gelingt, ist das wunderschön. Dabei versuche ich, nicht überheblich zu sein und demütig im eigenen Mensch-Sein zu bleiben.

In einem Interview mit dem «Blick» im Jahr 2018 haben Sie gesagt, dass Sie Ihre Geschlechtsanpassung bereuen. Stimmt dies so noch immer?

Meine weibliche Lebensform bereue ich keinesfalls. Allerdings bedaure ich, wie viel ich meinem Körper zugemutet habe. Früher hatte ich den Wunsch, körperlich eine perfekte Traumfrau zu sein. Selbst das gängige Schönheitsideal empfand ich als ungenügend. Ich lebte mit der Illusion, ich könnte dies durch Tabletten, Hormone und Operationen problemlos erreichen. Und so trieb ich meinen Körper bis an die Grenze und darüber hinaus. Es kam zu vielen Komplikationen. Die vielen Operationen haben meinen Körper krank gemacht. Vor dem körperlichen Geschlechtswechsel hätte ich mich unbedingt von Fachleuten begleiten lassen und nach alternativen Lebensformen suchen sollen. Eine Frau zu sein, bedeutet schliesslich nicht nur, schönes Aussehen und eine Vagina zu haben. Auch mit weniger radikalen Eingriffen wäre eine weibliche Lebensform möglich gewesen. Mein Wunsch ist es, jungen Transmenschen aufzeigen zu dürfen, dass man nicht zu 100 Prozent körperlich Frau oder Mann sein muss. Ein Leben als Mann oder Frau hängt nicht von chirurgischen Eingriffen ab. Deshalb will ich mein Leben in erster Linie als Mensch führen und nur an zweiter Stelle als Frau. 


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