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«Hiesig?»

«Hiesig», echt von hier, hat in der Fasnachtszeit engste Grenzen. Schwyzer nüsseln nicht wie Steiner, Ingenbohler oder Brunner wieder auf ihre Art. Hiesig endet beim Narrentanz an der Gemeindegrenze.

Die Orangen allerdings, welche die Hudi im ganzen Talkessel verteilen, stammen aus Italien oder Spanien; Orangen heimeln trotzdem an, über die Gemeindegrenzen hinweg.

Aus Italien stammen auch die Gwändli der Maskeraden, der Blätz, das Bajazzomäitli, das Domino, ursprünglich vom Harlekin, dem Arlecchino in der Commedia dell’Arte. Die Wollsocken der Maschgeraden allerdings dürften länger heimisch sein. Kleidungsstücke aus Schafwolle, ursprünglich im Vorderen Orient entwickelt, sind in der Schweiz schon 2900 vor Christus nachgewiesen.

Der Brauch, mit Kuhglocken und Peitschen am 6. Januar die Geister zu vertreiben, mag alemannische Wurzeln haben, was die Schwyzer Ratsherren nicht hinderte, am 18. Dezember 1599 das Greifeln unter Androhung von Strafen zu verbieten. Ausschreitungen und Belästigungen im Umfeld der Greiflerzüge hatten zu dieser behördlichen Massnahme geführt, hiesig hin oder her – allerdings mit kurzer Wirkung. Endgültig ist, wenn ein hiesiges Haus, wie unlängst geschehen, mit 700- jährigen Elementen über Nacht abgerissen wird.

Was ist denn wirklich und ursprünglich «hiesig»? «Gumelistunggis» zum Narrenzmittag vielleicht? Die Kartoffel kam erst im 16. Jahrhundert von Südamerika nach Europa und wurde gemäss dem «Historischen Lexikon der Schweiz» im Kanton Schwyz erstmals 1727 in Goldau gepflanzt. «Gumi» soll der Bauernhof geheissen haben, darum die Schwyzer Gumeli oder die Gumeli-Schwyzer.

Und das Fondue, das die müden Fasnächtler nach der anstrengenden Rott wieder stärkt? Im Werk des Griechen Homer, in der Ilias, geschrieben etwa 800 Jahre vor Christus, wird berichtet, wie geriebener Ziegenkäse mit Mehl und Wasser vermischt und über dem Feuer geschmolzen wird.

Die Pfeilspitzen und Klingen, welche die ersten Bewohner oder Besucher unserer Bergtäler, die Wildbeutergruppen im Muotathal um 10 000 vor Christus auf der Jagd verwendeten, um ihre Mahlzeit zu bereichern, stammten aus dem Vorarlberg, aus dem Jura, aus dem Urnerland – Weltreisen für damalige Verhältnisse.

Weltreisen haben viele Nahrungsmittel hinter sich, bevor sie in unseren Einkaufsläden landen, Bananen aus Südamerika, Mango aus Thailand. Dem Futter, das den Rindern, den Schweinen und Hühnern bei uns zugeführt wird, ist Soja beigemengt, aus den USA, aus Brasilien. Gsundi Choscht us üsem Bodä sozusagen. Wenn das Wort stimmt, nach dem man ist, was man isst, sind wir ziemlich global.

Reisen haben auch viele heutige Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz hinter sich, bevor sie hier ansässig wurden, 40 Prozent oder 2,9 Millionen Menschen stammten im Jahr 2022 aus dem Ausland, 20 Prozent von ihnen oder 609 000 sind in der Schweiz geboren. Sind sie hiesig, oder werden sie es?

Meine Mutter war Tessinerin, ich sprach in der frühen Kindheit mehrheitlich Italienisch, und das in Schwyz, in Schnürigers Bauernhaus im Kaltbach. In den ersten Wochen im Kindergarten nannten mich einige «Tschinggeli».

Ich meine, kaum jemand würde mich heute noch als fremd bezeichnen. Ich wurde «hiesig», durch die Schule, die Vereine, das Militär, den Beruf, die Teilhabe an politischen, an gesellschaftlichen Ereignissen.

Andere fühlten sich einmal hiesig, haben sich aber entfremdet, und nicht alles, was in meiner Jugend hiesig schien, wird noch so empfunden, sei es bei Freizeitvergnügen oder in religiösen Bräuchen.

Hiesig ist nicht ewig. Hiesig ist, was hier und jetzt gelebt, geschätzt, geteilt wird. Ich freute mich auf die Fasnachtstage, auf Blätz und Domino, woher die Gwändli und ihre Trägerinnen und Träger auch stammen mögen, auf ein Fondue oder ein Raclette nachher, auch wenn wir beides nicht erfunden haben. Und wer dies bedauert, soll es doch einmal mit Muotathaler Alpkäse über dem Feuer versuchen.

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