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Schweiz [News Service]

Vorzeigeprojekt: Verdingkinder helfen sich gegenseitig im Alter

Ehemalige Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sollen anderen Betroffenen im Alter helfen. Der Mann hinter der Wiedergutmachungsinitiative hat nun ein Projekt lanciert.
Beim Projekt «Caregivers» sollen Betroffene von Zwangsmassnahmen sich gegenseitig helfen. (Symbolbild) (Keystone)

Dario Pollice

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz bis 1981 angeordnet worden. Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele misshandelt oder missbraucht. 2013 entschuldigte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga offiziell im Namen des Bundesrats für das grosse Leid, das den Opfern angetan wurde.

2014 reichte der Unternehmer Guido Fluri die Wiedergutmachungsinitiative ein, knapp zwei Jahre später hiessen die Räte einen indirekten Gegenvorschlag gut, der für die Ausrichtung der Solidaritätsbeiträge 300 Millionen Franken zur Verfügung stellte. Damit sei schon ein Stück weit Gerechtigkeit wiederhergestellt worden, sagte Fluri am Freitag vor den Medien in Bern. Doch viele der heute 70- bis 90-Jährigen stünden vor spezifischen Herausforderungen.

So sind die Alters- und Pflegeheime nicht immer auf die Bedürfnisse der Opfer vorbereitet. «Die Traumata kommen im Alter oft zurück», sagte der Unternehmer. So würden sich ehemalige Missbrauchsopfer etwa nicht waschen lassen, andere würden in einer geschlossenen Umgebung rebellieren. Alterssuizid sei auch ein grosses Thema. Darum lanciert die Guido Fluri Stiftung zusammen mit Pro Senectute Bern das Selbsthilfeprojekt «Caregivers», bei dem sich Betroffene gegenseitig helfen.

Opfer auf Augenhöhe begegnen

Das Projekt sei in seiner Form einzigartig, sagt Fluri. Es brauche Menschen, die wissen, was die Opfer bewegt und erkennen, was ihnen gut tut. «Am besten können dies die Betroffenen selbst.» Dabei seien die betroffenen Personen bei der Ausgestaltung des Projekts miteinbezogen gewesen.

Gerade verletzliche Menschen wie Verdingkinder bräuchten Menschen, die sie umsichtig und respektvoll begleiten und ihnen auf Augenhöhe begegnen, erklärte Marcel Schenk von Pro Senectute Bern. «Uns ist wichtig, dass ehemalige Opfer nicht noch einmal erleben müssen, wie über ihre Köpfe entschieden wird.» Das könnten die sogenannten Caregivers, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht hätten und die Ängste von Betroffenen kennen würden.

Inzwischen haben laut Fluri sechs Caregivers den Lehrgang abgeschlossen. Sie werden zunächst im Kanton Bern unterwegs sein, Betroffene zu Hause besuchen und sie in verschiedenen Bereichen des Alltags unterstützen. Die Helfer sollen aber auch Alters- und Pflegeheimen Besuche abstatten. «Sie können bei Konflikten vermitteln und Pflegenden erklären, wie mit Opfern von fürsorgerischen Massnahmen umzugehen ist», sagt Schenk. Man stehe in dieser Hinsicht im Austausch mit dem Heimverband Curaviva.