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Kommentar

Über die Schönheit von Windrädern und Solaranlagen - eine Liebeserklärung 

Landschaftsschutz gegen grüne Energie: Dieser Widerspruch ist ein Missverständnis. Denn Technik und Ästhetik sind nicht automatisch ein Widerspruch, sondern oft ein glückliches Paar. 

Solaranlagen? Windparks? Nein, danke, das ist Verschandelung der Natur. So tönt es immer noch in der Schweiz. Aber stimmt das überhaupt? Mir scheint, hier wird mit zementierten Vorurteilen argumentiert statt mit Fakten. Schauen wir doch einfach mal hin! Weil das hierzulande mangels Anschauungsobjekten leider nur schlecht möglich ist, lassen Sie uns ins Ausland schielen.

Nehmen Sie bei Ihrer nächsten Wanderung durch den Jura den Feldstecher mit und schauen Sie Richtung Schwarzwald oder Frankreich. Auf den Kuppen der Hügel erheben sich Gruppen von schlanken weissen Säulen über den grünen Wäldern. Ich mag dieses Bild – aus der Nähe noch lieber als durchs Fernglas. Dann sehe ich, wie auf diesen eleganten Trägern Windräder langsam und majestätisch ihre Runden drehen. Das wirkt so erhaben wie schön. Und ich weiss, die produzieren Strom – auch für mich. Ob in Deutschland, Holland, Spanien oder der Slowakei: Der Anblick eines Windparks gehört dort seit Jahrzehnten zu meinen touristischen Freuden. Wie Burgen, Brücken oder Stadtanlagen.

Neidisch blicke ich bei meinen Auslandreisen auch auf die Solaranlagen entlang von Bahn und Autobahn oder an Hügelflanken. Sind diese Solarfelder hässlich? Sie sind faszinierend, wenngleich noch ungewohnt. Wie sich die schräg aufgestellten Panels akkurat reihen, wie sie regelmässige geometrische Muster bilden – wie sie mal als Rechteckflächen, mal als Diagonalfelder, mal als per­spektivische Trickbilder erscheinen – das erinnert an Kunstwerke von Max Bill oder Verena Loewensberg. Und sie stellen selbst berühmte Land-Art-Projekte in den Schatten.

Technik und Ästhetik sind nicht automatisch ein Widerspruch, sondern oft ein glückliches Paar. Das lehrt uns die Erfahrung der letzten zweitausend Jahren. Wie stolz sind wir in der Schweiz auf gebaute Meisterwerke. Etwa auf die Ingenieurleistungen der Rhätischen Bahn und die Ernennung der Albulastrecke zum Unesco-Weltkulturerbe. Heute. Doch einst schimpfte man über die Verschandelung. Stören Burgen oder die Bogenbrücke im Verzascatal die Schönheit der Täler? Verkünsteln die Weinbergterrassen im Lavaux die Hänge? Nein, an diese Eingriffe haben wir uns nicht nur gewöhnt, wir haben sie ins Herz geschlossen und empfinden sie als Bereicherung.

Ein technisch stetig verbessertes Vorzeigewerk ist die Kaskade von Stauseen und Stollen von der Bernina bis nach Poschiavo. Warum hier die Stromgeschichte, die mit Mut im 19. Jahrhundert ihren Anfang genommen hat, nicht mit Sonnenenergie und Windkraft ins 21. Jahrhundert weiterschreiben? Vielleicht braucht es etwas Fantasie, aber vor allem ein Umdenken, damit wir auf dem Gotthardpass dereinst nicht nur von der Teufelsbrücke, der Tremola und den Autobahnbrücken in der Leventina schwärmen, sondern windzerzaust auch gut platzierte Fotovoltaik- und Windanlagen als neue Landmarken lieben lernen.

Windräder und Solarfelder sind zudem keine irreversiblen Bauwerke. Sie brauchen keine Terrainverschiebungen und Rodungen. Haben sie ihren Zweck erfüllt und ihre Lebensdauer beendet, können sie ohne Narben und ohne für Jahrhunderte gefährlichen Abfall zurückgebaut werden. Sie stehen in der Natur, verdrängen sie aber nicht.

Noch hat das Parlament die Solaroffensive nicht endgültig bereinigt. Aber klar ist: Die Schweiz braucht dringend solche Anlagen. Kleine von Privaten, die jedem und jeder Strom und Freude machen und einen nebenbei für den Energieverbrauch sensibilisieren (wie ich aus eigener Erfahrung weiss) und vor allem grosse Projekte von Energiefirmen. Für potente Anlagen über der Nebelgrenze und auf windexponierten Kreten müssen die gesetzlichen Hürden vereinfacht und die Planungsfristen sinnvoll verkürzt werden. Bleiben geschützte Landschaften und Fruchtland wie angedacht ausgespart, kommt es gut. Endlich.