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Afghanistan

Taliban wollen Frauen in NGOs suspendieren

Als Reaktion auf ein von den Taliban gefordertes Arbeitsverbot für Frauen bei Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Afghanistan haben mehrere Hilfsorganisation in dem bitterarmen Land ihre Arbeit eingestellt. "Wir können Kinder, Frauen und Männer in dringender Not nicht ohne unsere weiblichen Angestellten erreichen", teilten die Hilfsorganisationen Care, Save the Children und die Norwegische Flüchtlingshilfe am Sonntag gemeinsam mit. Die Ankündigung der militanten Islamisten löste weltweit Sorge aus. Unter anderem der UN-Generalsekretär, die EU-Kommission und die Aussenminister der USA und Deutschlands verurteilten den Schritt.
Bild: Keystone/AP/Ebrahim Noroozi

Das afghanische Wirtschaftsministerium hatte am Samstag in einem Schreiben gefordert, Mitarbeiterinnen aller nationalen und internationalen NGOs bis auf Weiteres von ihrer Arbeit zu suspendieren. Grund dafür sei, dass die Frauen die Vorschriften der militant-islamistischen Taliban-Führung in Bezug auf das Tragen eines Hidschabs, also eines Kopftuchs, nicht einhielten. Komme eine Organisation dieser Anordnung nicht nach, werde ihre Lizenz entzogen, hiess es in dem Schreiben.

Bundesaussenministerin Annalena Baerbock wies die Forderung am Sonntag zurück. "Wir werden nicht akzeptieren, dass die Taliban die Humanitäre Hilfe zum Spielball ihrer Frauenverachtung machen", twitterte die Grünen-Politikerin. "Sie rauben der Hälfte der Bevölkerung ein weiteres Grundrecht, brechen humanitäre Prinzipien und gefährden die lebenswichtige Versorgung der Menschen." Geschlechtsbezogene Verfolgung könne auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein. "Wir setzen uns für eine deutliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft ein."

UN-Generalsekretär António Guterres sei "zutiefst beunruhigt" über die angebliche Anordnung der Taliban, teilte sein Sprecher Stéphane Dujarric am Samstag (Ortszeit) in New York mit. "Diese Entscheidung wird die Arbeit zahlreicher Organisationen untergraben, die im ganzen Land den Schwächsten helfen, vor allem Frauen und Mädchen." Die Vereinten Nationen und ihre Partner, einschliesslich nationaler und internationaler NGOs, unterstützten derzeit mehr als 28 Millionen Afghanen, die für ihr Überleben von humanitärer Hilfe abhingen.

Die Hilfsorganisationen Care, Save the Children und die Norwegische Flüchtlingshilfe betonten, ohne Frauen hätten Millionen Afghanen seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 keine Hilfe erhalten können. "Während wir über diese Ankündigung Klarheit gewinnen, setzen wir unsere Programme aus und fordern, dass Frauen und Männer gleichermassen weiter lebensrettende Unterstützung in Afghanistan leisten können." Von der Forderung seien Tausende Arbeitsplätze inmitten einer enormen Wirtschaftskrise betroffen.

Eine andere NGO, das International Rescue Committee, hatte zuvor alleine bereits von mehr als 3000 Mitarbeiterinnen in dem Land gesprochen. "Unsere Mitarbeiterinnen sind entscheidend für die Auslieferung von humanitärer Hilfe in Afghanistan", twitterte sie.

Auch US-Aussenminister Antony Blinken äusserte sich am Samstagabend (Ortszeit) auf Twitter "zutiefst besorgt". Dieses Verbot für Frauen werde die Versorgung mit humanitärer Hilfe in Afghanistan durcheinanderbringen. "Frauen spielen bei humanitären Hilfsaktionen weltweit eine zentrale Rolle", so Blinken. Eine solche Entscheidung könnte verheerende Folgen für die Menschen in Afghanistan haben.

EU-Kommissionssprecherin Nabila Massrali bezeichnete den Schritt als einen "klaren Bruch humanitärer Grundsätze". Die EU bewerte derzeit den Einfluss, den das Verbot auf seine Hilfe für Afghanistan haben werde, schrieb sie in der Nacht zum Sonntag auf Twitter.

Seit ihrer Machtübernahme im August 2021 haben die militanten Islamisten Frauenrechte in Afghanistan massiv eingeschränkt. Viele Frauen durften nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen zurückkehren. Mädchen und Frauen sind mittlerweile vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Am Dienstag haben die Taliban Frauen von allen Hochschulen verbannt. Frauen, die für ihre Rechte protestierten, wurden in der Vergangenheit immer wieder, teils auch über mehrere Wochen, festgehalten. (sda/dpa)

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