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Gastbeitrag

Künstliche Intelligenz und neue Sprachmodelle: Der Computer als Poet

Vor etwa zehn Jahren habe ich darüber geschrieben, dass künstliche Intelligenz niemals den Menschen im Schreiben ersetzen wird. Nun ja, das war wohl sehr optimistisch. Grosse Sprachmodelle wie GPT-3, LaMDA, Stable Diffusion, Bild- und Videogeneratoren wie Dall-e oder Codegeneratoren wie GitHubs Copilot beginnen uns Menschen auch im Feld der Kreativität zu schlagen – in Ausmass, Präzision und vor allem Schnelligkeit.

Das wird unsere Arbeit mit Inhalten grundlegend verändern. Dieser Tage hat das Forschungsunternehmen OpenAI das Konversationsmodell ChatGPT als Demoversion veröffentlicht. Das System kann gut formulierte Entschuldigungen schreiben, Designentwürfe für die Innenausstattung des eigenen Hauses liefern, die sich dann mit Hilfe von Dall-e in visuelle Varianten verwandeln lassen. Das Besondere an dem System aber ist, dass es im Dialogmodus zu einem Sparringpartner für fast alle Fragen werden kann.

Um das gleich einzuräumen: Nicht alles, was da kommt, ist perfekt. Gerade musste der Techkonzern Meta sein Sprachmodell Galactica nach nur drei Tagen wieder vom Markt nehmen. Galactica produzierte fiktive Forschungspapiere, versah sie aber mit den Namen existierender Wissenschafterinnen und Wissenschafter und spuckte falsche Fakten als Zusammenfassungen aus. Andere Systeme, wie Stable Diffusion, kämpfen immer wieder mit sexistischen und rassistischen Inhalten, weil die Milliarden von Trainingsdaten aus dem Internet eben auch die neu geschaffenen Inhalte beeinflussen.

Und doch werden solche KI-Systeme zu umfassenden Produktivitätstools, die uns helfen, alles überall auf einmal zu tun. Ob das wünschenswert ist? Es wird dazu führen, dass wir uns als Menschen immer mehr der Logik von Maschinen anpassen. Denen sind Zeit, Ruhephasen oder Überlastung ziemlich egal. Bei uns Menschen ist das anders. Ob es gut ist für eine Gesellschaft und ein Wirtschaftssystem, das längst gelegentlich am Anschlag operiert, wenn wir diese Grenzen systematisch bröckeln lassen?

Aber generative KI macht den Umgang mit vielen alltäglichen Erledigungen leichter. Wenn ich ChatGPT bitte, mir einen Vorschlag zu machen, wie sich ein Buch über «Produktivität im digitalen Zeitalter» gliedern lässt, dauert es keine 20 Sekunden, bis diese Gliederung vor mir steht. Auch sie ist nicht aller Weisheit letzter Schluss und kann mich doch einen Schritt voranbringen. Mit den Vorschlägen der KI kann ich weiterarbeiten, meine eigenen Gedanken und Ideen einbringen – eine schrittweise Veränderung und Veredelung, die Kern fast jedes kreativen Prozesses ist. Mit Hilfe von Sprachmodellen betreten wir endgültig das Zeitalter der Mensch-Maschine-Emergenz.

Was aber bedeutet all das für die Idee der Originalität, der Autor- und Urheberschaft? Viele Herausforderungen, mit denen sich unsere Gesellschaft offen auseinandersetzen muss. Gegen GitHubs Copilot läuft derzeit die Sammelklage einer Gruppe von Programmierern, weil die Software einen urheberrechtlich geschützten Code ohne Nennung oder Lizenz für den eigenen neu generierten Code nutzt. In solchen Fällen gibt es für die menschliche Kommunikation klare Vorgaben: Man zitiert die Originalquelle. Die zahlreichen aberkannten Doktortitel der vergangenen Jahre zeigen allerdings: Auch beim Menschen ist das nicht immer verlässlich.

Generative KI wird uns auch in unserem Menschenbild herausfordern. Die bisherigen Göttinnen und Götter der Kreativität («Menschen») werden vom Thron gestossen. Das tut weh. Es ist eine schwere narzisstische Kränkung für die Menschheit, dass Technologie nun können soll, was bislang uns allein vorbehalten war. Gefragt, ob es in Zukunft noch Raum für menschliche Kreativität geben werde, antwortet ChatGPT: «Künstliche Intelligenz ist in vielerlei Hinsicht limitiert. Es wird immer Bedarf an menschlicher Kreativität und Autorschaft geben.» In jedem Fall ist das System ein PR-Genie in eigener Sache.

Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen

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