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Antisemitismus

«Es gibt Leute, die mir den Tod wünschen»: Schweizer Jüdinnen und Juden sprechen von einem neuen Angstgefühl

Hakenkreuze an Wänden, Pöbeleien auf der Strasse. Antisemitische Vorfälle nehmen zu. Das Sicherheitsgefühl der Juden erodiert. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Momente.
Dalia Goldberger, Etan Günzburger und Julia (von links) sprechen darüber, wie es ihnen geht als Jüdinnen und als Jude in diesen Tagen.
Bild: Bilder: Severin Bigler

Kurz nach dem Gespräch schreibt Julia ein E-Mail und kommt noch einmal auf die Frage zurück, die jetzt im Raum steht. Fühlt sie sich in der Schweiz als Jüdin noch sicher? «Die Gefahren sind real, ich habe Angst», schreibt sie. Und: Sie werde von nun an einen Selbstverteidigungskurs machen.

Die 28-jährige Julia ist eine von drei jüdischen Personen, die der «Schweiz am Wochenende» erzählen, wie es ihnen geht, seit das Massaker der Hamas im Nahen Osten einen neuen Krieg mit vielen Toten ausgelöst hat. Es ist ein Krieg, dessen Auswirkungen auch in der Schweiz deutlich zu spüren sind.

Die Hakenkreuze in der Whatsapp-Gruppe

Julia wohnt mit ihrem Mann in einem Vorort von Zürich. Man sieht ihr nicht an, dass sie Jüdin ist. Sie trägt Jeans, zeigt ihr Haar und trägt auch kein Davidstern-Kettchen um den Hals, wie es einige Jüdinnen und Juden tun. Die jüngste Welle des Antisemitismus hat sie denn auch nicht direkt am eigenen Leib erlebt, und dennoch hat sie sie direkt getroffen. Die Bilder kommen per Whatsapp-Nachricht herein. In einem Chat, wo sie sich mit Freunden auf dem Laufenden hält, machen antisemitische Ereignisse aus der Region schnell die Runde.

Das neuste Bild stammt aus Küsnacht ZH. Jemand hat mit einer Sprühdose in weisser Farbe ein Hakenkreuz auf einen Gehweg gemalt und den Slogan «Fuck Jews».

In Küsnacht ZH auf den Boden gesprayt: antisemitische Parole und Hakenkreuz.
Bild: Bild: zvg

Dieser Vorfall reiht sich ein in eine Serie von antisemitischen Ereignissen seit dem 7. Oktober. Bis Ende dieser Woche registrierte die Meldestelle des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) fünfzig Vorfälle, darunter sechs Tätlichkeiten. Einem Juden, der eine Kette mit Davidstern trug, hätten zwei Jugendlichen auf die Füsse gespuckt und «Free Palestine» geschrien.

Am Zürcher Flughafen seien zudem ein jüdischer Mann und eine jüdische Frau mit Boxschlägen attackiert worden. In acht Fällen wurden Juden beschimpft. Zudem kam es zu zahlreichen antisemitischen Schmierereien. Im Zürcher Quartier Fluntern sind Graffiti aufgetaucht, die Juden den Tod wünschen. Auf die Wand eines Schulhauses sprühte jemand «Achtung Juden» und einen Davidstern.

Auch in Telegram-Kanälen und sozialen Netzwerken wird Hass verbreitet. Die Meldestelle zählte 173 Fälle. Der SIG spricht von einer starken Häufung und einer grossen Dunkelziffer.

Antisemitische Schmiererei an einer Schule am Zürichberg.
Bild: Bild: zvg

«Ich kann das Gefühl nicht in Worte fassen», sagt Julia. «Ich weiss, dass es Leute gibt, die mir den Tod wünschen. In meiner Stadt. Das ist unbeschreiblich.» Doch auch antisemitischer Hass, der weit weg von ihrer Wohnung in Zürich formuliert wird, erreicht sie. Im Gespräch zitiert sie den Satz «Hitler should have done the job right» (Hitler hätte seine Aufgabe zu Ende führen sollen), den jemand anonym als Reaktion auf ein Video des katarischen Senders «Al Jazeera» formuliert hat. Er taucht genauso auf ihrem Smartphone auf wie das Hakenkreuz-Bild aus Küsnacht.

Julia besucht nun einen Selbstverteidigungskurs und hat sich ein Davidstern-Kettchen gekauft. Sie will sich als Jüdin nicht verstecken.
Bild: Bild: Severin Bigler

Schon vor dem neuen Krieg im Nahen Osten, sagt Julia, habe sie das Gefühl gehabt, dass Antisemitismus wieder salonfähig geworden sei. Sie erzählt von einem Vorfall, der sich Anfang Jahr am Flughafen Zürich zugetragen habe. Von Tel Aviv herkommend, sei sie am Zoll Schlange gestanden, als sich ein Reisender lauthals über Juden ausgelassen und diese als «Saupack» beschimpft habe. Sie als Einzige habe den Mann zur Rede gestellt.

Und jetzt, seit dem 7. Oktober und der Reaktion Israels auf das Hamas-Massaker, trete ein latent vorhandener Antisemitismus bei einigen wieder offen zutage.

Julia hat Angst, will sich aber auf keinen Fall als Jüdin verstecken. Sie hat sich nun ein Kettchen mit einem Davidstern bestellt, um es offen zu tragen. Zum Schluss sagt sie: «Wenn ich mit diesem Gespräch auch nur einer Person zeigen kann, dass ich ein Mensch bin genau wie jeder und jede andere, dann bin ich meinem Ziel einen Schritt näher gekommen.»

Kinder werden traumatisiert von antisemitischen Sprüchen

Der Antisemitismus kommt nicht immer in Form von Hakenkreuzen und eindeutigen Parolen daher. Als Etan Günzburger kürzlich auf der Zürcher Allmend mit dem Velo anhielt, um mit einem zufällig angetroffenen Freund zu sprechen, blafft ihn ein älterer Herr an, der sich in seiner Weiterfahrt gehindert sah. «Ich würde ja gerne weiterfahren, wenn ihr nicht hier eure Gemeindeversammlung abhalten würdet.»

Natürlich fühle er sich von solchen Sprüchen nicht an Leib und Leben bedroht, sagt der 44-jährige Vater dreier Kinder, der als Führungskraft bei einem Vermögensverwalter arbeitet. Es mache aber trotzdem etwas mit ihm. Am meisten sorgt er sich aber um die Kinder. Sie bekämen viel mehr mit, als mancher denke, der vielleicht ohne allzu böse Absichten einen Spruch mache.

Etan Günzburger sorgt sich um die Kinder. Sie werden von antisemitischen Vorfällen traumatisiert. 
Bild: Bild: Severin Bigler

Sprüche hört Günzburger viele. Er ist Juniorentrainer des FC Hakoah, eines über hundert Jahre alten jüdischen Fussballclub in Zürich. Zu den üblichen derben Beschimpfungen unter Fussballern kämen nun noch Sprüche hinzu, die auf den Krieg im Nahen Osten anspielten. Neulich habe ein Zuschauer, vermutlich der Vater eines Fussballjuniors einer gegnerischen Mannschaft, einem seiner zehnjährigen Spieler «Free Palestine» nachgerufen.

Und es seien nicht nur solche Kommentare, welche Kinder verunsicherten. Wegen der angespannten Situation und des zunehmenden Antisemitismus gebe es mehr Sicherheitsübungen in jüdischen Schulen. Günzburger erzählt von einem Kind, das dreimal kontrolliere, ob die Türe abgeschlossen sei, bevor es schlafen kann. Ein anderes habe auf dem Weg zum Kindergarten gefragt, ob eine Bombe dem Auto etwas anhaben könne. «Wir Erwachsenen merken das nicht immer, aber die Kinder bekommen alles mit. Sie werden traumatisiert.»

Günzburger fühlt sich noch sicher in der Schweiz. Die frühere Gewissheit aber, dass dies ein Dauerzustand sei, die sei weg.

Fehlende Solidarität mit israelischen Opfern

Dalia Goldberger geht es ähnlich. Sie habe sich bis anhin grundsätzlich sicher gefühlt, spüre aber gerade, wie dieses Gefühl erodiere. «Es könnte bald vorbei sein mit unserer Sicherheit», vermutet die 26-jährige Projektleiterin und Autorin.

Sie habe sich beim Gedanken ertappt, ihren Mann darum zu bitten, mit ihren beiden Kindern in der Öffentlichkeit nicht mehr Hebräisch zu sprechen.

Dalia Goldberger fragt sich: «Wenn man Opfer in Schutz nimmt, warum dann nicht alle?»
Bild: Bild: Severin Bigler

Und sie erzählt von einem Freund, der solch grosse Angst vor den Entwicklungen habe, dass er zweifelt, seinem Sohn einen jüdischen Namen zu geben. Wenn Goldberger mit ihren Kindern isst oder spielt, denkt sie in letzter Zeit häufig über den Holocaust nach. «Ich frage mich, wie so etwas anfängt. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mir vorstellen, dass sich die Geschichte wiederholen wird. Der Schmerz bei dem Gedanken, dass meine Kinder so etwas erleben könnten, ist nicht auszuhalten.»

Goldberger ist nicht nur über den wieder offen ausgelebten Antisemitismus schockiert, sondern enttäuscht von ihren vermeintlichen Verbündeten. Sie sieht sich als Teil der feministischen Bewegung. Von dieser Seite spürte sie aber im Nachgang zu den Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober kaum Solidarität.

In einem Gastbeitrag im «SonntagsBlick» bezeichnete sie das Schweigen derjenigen, die sich sonst beeilen, Gewalt und Unterdrückung zu verurteilen, als «ohrenbetäubend». Erst als Israel begann, Ziele in Gaza anzugreifen, als es Bilder von palästinensischen Opfern gab, hätten viele ihre Stimme wiedergefunden.

Sie fühlt sich verraten und isoliert und fragt sich: «Wenn man Opfer in Schutz nimmt, warum dann nicht alle?». Eine abschliessende Antwort hat sie nicht. Sie vermutet aber, dass es unter anderem mit den Algorithmen der sozialen Medien zu tun haben könnte. «Wer sich für die Opfer einer Seite interessiert, der bekommt nur entsprechende Bilder zu sehen und fühlt sich in seiner vorgefassten Meinung bestärkt.»

Hinzu komme, dass viele offenbar vergessen hätten, dass Videos und Posts auf Instagram, Tiktok und Co. oft aus dem Kontext gerissen oder schlicht falsch seien.

Sie beobachtet, dass manche Mühe haben, den Nahostkonflikt nicht nur aus einer David-gegen-Goliath-Perspektive zu sehen. «Es ist offenbar nicht so einfach, ein festgefahrenes Weltbild zu korrigieren», sagt sie. «Dass es in einem Konflikt mehrere Opfer geben könnte, übersteigt offenbar den Horizont vieler.»

Eine Kundgebung macht Hoffnung

Am Donnerstagabend standen Julia und Etan Günzburger in der Menschenmenge auf dem Zürcher Münsterhof. Dalia Goldberger wäre auch gerne gekommen, konnte sich aber nicht von anderen Verpflichtungen lossagen. Der Platz war gefüllt mit Menschen, die gelbe Schirme trugen, als Symbol für Schutz von jüdischem Leben. Hunderte Menschen aller Parteien und Religionen kamen zusammen, um gegen Antisemitismus ein Zeichen zu setzen.

«In dieser dunklen Zeit finde ich hier viel Wärme und Licht», sagt Günzburger – und zitiert ein jüdisches Sprichwort: «Es benötigt wenig Licht, um viel Dunkelheit zu verdrängen!»