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Erneut Raketenangriffe auf Ukraine

Kurz vor Beginn der Silvester- und Neujahrsfeiern hat Russland mit Drohnen- und Raketenangriffen in der Ukraine erneut schwere Zerstörungen angerichtet. Allein in der Hauptstadt Kiew fing die Flugabwehr 16 Raketen ab, wie Behörden am Donnerstag mitteilten.
Bild: Keystone/AP/Roman Hrytsyna

Trotzdem gab es Schäden durch herabfallende Raketentrümmer, zwei Häuser wurden schwer beschädigt, im Zentrum wurde ein Auto getroffen, wie Bürgermeister Vitali Klitschko sagte. Er sprach von drei Verletzten in Kiew, darunter ein 14 Jahre altes Mädchen. Neben Kiew trafen die Angriffe, die vor allem der Energie-Infrastruktur galten, auch den Westen, den Osten und den Süden der Ukraine

Bei dieser nun zehnten Welle seit Oktober, als die Attacken zur Zerstörung von Energieanlagen begannen, wurden nach Angaben des Präsidentenbüros mehr als 120 Raketen abgefeuert. Sie seien von der "bösen russischen Welt" abgeschossen worden, um die wichtige Infrastruktur zu zerstören und massenhaft Zivilisten zu töten, schrieb Präsidentenberater Mychajlo Podoljak bei Twitter. Im ganzen Land wurde Luftalarm ausgelöst. Schon in der Nacht waren russische Drohnenangriffe abgewehrt worden.

Der ukrainische Generalstab berichtete später von 69 Raketen, die Russland abgefeuert habe. Davon seien 54 zerstört worden. Auch elf Drohnen seien abgeschossen worden. Es handelte sich um die schwersten Raketenangriffe seit dem 16. Dezember, als Russland das Land ebenfalls massiv von Bombern aus der Luft und von Kriegsschiffen im Schwarzen Meer beschossen hatte. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte in Kiew seit Tagen vor drohenden neuen Attacken gewarnt. Russland wolle damit die Vorbereitungen auf die Neujahrsfeiern stören.

Allein in der Hauptstadt Kiew waren am Donnerstag rund 40 Prozent der Verbraucher ohne Strom, wie Bürgermeister Klitschko sagte. Die Energieversorger hätten wegen des Luftalarms Sicherheitsvorkehrungen getroffen, sie arbeiteten nun daran, die Stromversorgung wieder herzustellen, sagte er.

Gemeldet wurden Explosionen etwa auch aus den Gebieten Poltawa, Odessa, Charkiw, Mykolajiw und Lwiw. Im Gebiet Iwano-Frankiwsk war auf einem von Behörden veröffentlichten Foto eine Rakete in einem Wohnhaus zu sehen, die nicht explodiert war. "Der Zynismus der Russen kennt keine Grenzen", sagte der stellvertretende Leiter des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko. In Charkiw wurde ein Industriegebiet getroffen.

Russische Militärblogger veröffentlichten jubelnd zahlreiche nicht überprüfbare Videos von Rauchwolken nach mutmasslichen Treffern. Der Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, Olexij Arestowytsch, forderte die Menschen auf, dringend Schutz zu suchen. Er warnte davor, Bilder von den Explosionen und Einschlägen in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, weil das Rückschlüsse auf Arbeit der ukrainischen Luftabwehr zulasse und deren Position verraten könne. "Wenn Sie das tun, dann korrigieren sie das Feuer des Gegners."

Mit Entsetzen registrierten die Menschen in der Ukraine Russlands Prahlerei mit dem Beschuss. "Die Kalibr gehen niemals aus", teilte das russische Verteidigungsministerium am Donnerstag in seinem Telegram-Kanal mit. Illustriert wurde der Spruch mit einer abgefeuerten Rakete. Die "Kalibr" sind Mittelstreckenraketen, die Russland von Schiffen aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer auf Ziele in der Ukraine abfeuert.

Zuvor hatte es Spekulationen darüber gegeben, dass Moskau die Raketen für weitere solcher Attacken ausgehen könnten. Russland hat Informationen über ein angebliches Defizit an Raketen stets dementiert. Der Beschuss sollte dem Vernehmen nach das Gegenteil beweisen. Moskau setzt seinerseits darauf, die ukrainische Flugabwehr aufzureiben.

Wegen der massiven Zerstörungen der Energieinfrastruktur im ganzen Land gibt es vielerorts Stromausfälle, von denen Millionen Menschen betroffen sind. Die ukrainische Regierung wirft Russland "Terror" vor - mit dem Ziel, das Land in Dunkelheit und Kälte zu stürzen. Kiew beschuldigt Kremlchef Wladimir Putin, die Menschen so in die Flucht treiben zu wollen, um die Lage in der EU durch Masseneinwanderung zu destabilisieren.

Nach dem Einsatz der ukrainischen Flugabwehr gegen russische Angriffe berichtete das Nachbarland Belarus über den Fund einer Rakete auf seinem Staatsgebiet. Staatsmedien in der Hauptstadt Minsk meldeten, dass eine vom Flugabwehrsystem S-300 abgeschossene Rakete am Donnerstagvormittag auf belarussisches Staatsgebiet gefallen sei. Die Gründe würden derzeit untersucht. Die staatliche Nachrichtenagentur Belta berichtete, dass die Rakete womöglich im Zuge des Einsatzes der ukrainischen Flugabwehr auf das Gebiet von Belarus gelangt sei. Das wäre ein ähnlicher Vorfall wie im November, als polnisches Gebiet getroffen wurde.

In der Ukraine sind die Sorgen gross, dass Russland von Belarus aus einen neuen Angriff starten könnte. Machthaber Alexander Lukaschenko stellte seine Militärbasen in der Vergangenheit Russland für Angriffe zur Verfügung. Moskau hat dort Tausende von Soldaten und viel Militärtechnik stationiert. Ein solcher Fund einer Rakete könnte von Belarus und Russland als Vorwand genutzt werden, um von dort aus wieder aktiv zu werden. (sda/dpa)

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