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Israel

Nahostkonflikt: Überall kursieren diese Karten – das zeigen sie

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas ist auch ein Krieg der Karten. Gerade im Nahostkonflikt haben sie aufgrund der zahlreichen Entwicklungen eine besondere Bedeutung. Wir erklären die historischen Hintergründe.

Sie tauchen in unterschiedlichen Varianten und auf zahlreichen Sozialen Netzwerken wieder und wieder auf: Karten, die zeigen, wie Israel palästinensische Gebiete zunehmend für sich beansprucht. Dies führt dazu, dass die ohnehin schon gehässig geführte Debatte weiter angeheizt wird. Wem gehört welches Gebiet? Wer hat wen angegriffen? Wer ist schuld an der erneuten Eskalation?

Auch der «Economist» zeigt in einem Post auf X ein etwas vereinfachtes Narrativ. Erst der dabei verlinkte – jedoch nur mit einem Abo zugängliche – Artikel erläutert die komplexe Situation im Nahen Osten.

Zwischen der linken und der rechten dieser insgesamt drei Karten liegen Jahrzehnte, zahlreiche territoriale Konflikte und durch internationale Vermittlung verabschiedete Abkommen. All das führte letztlich zum Status Quo. Wir liefern eine historische Einordnung.

1947 – Die Nachkriegszeit

Nach dem Holocaust und der Ermordung von über 6 Millionen Jüdinnen und Juden wächst der Druck, einen jüdischen Staat international anzuerkennen. Die UNO schlägt eine Dreiteilung des bis heute umstrittenen Gebietes vor, in einen arabischen und einen jüdischen Staat und in Jerusalem, eine separate Einheit, die international verwaltet und kontrolliert wird.

Die Situation nach dem vorgeschlagenen Teilungsplan der UNO: Arabische Gebiete (pink), jüdische Gebiete (grau) und Jerusalem (weiss). 
Bild: Bild: Watson

Während sich die jüdische Bevölkerung erfreut zeigt über die Pläne der UNO, fühlen sich die Araber ungerecht behandelt. Sie erachten ihr Staatsgebiet als zu klein. Dadurch verschärfen sich die bereits zuvor existierenden Konflikte zwischen Juden und Arabern.

Jüdinnen und Juden erreichen 1947 per Schiff Palästina. Auf dem Banner ist zu lesen: «Die Deutschen zerstörten unsere Familien und unser Zuhause – zerstört nicht unsere Hoffnungen.»
Bild: Bild: Imago

1948 verkünden jüdische Führer die Gründung Israels. Dies hat zur Folge, dass die benachbarten arabischen Länder – Ägypten, Libanon, Syrien, Jordanien und der Irak – den neugegründeten Staat prompt angreifen.

David Ben-Gurion ruft am 14. Mai 1948 in Tel Aviv den Staat Israel aus.
Bild: Bild: Imago

Israel ist allerdings in der Lage, diese Angriffe abzuwehren. Die Juden können ihr Gebiet in der Folge ausweiten, über 700’000 Palästinenser flüchten oder werden vertrieben. Sie kommen im Gazastreifen (unter damaliger Kontrolle Ägyptens) und im Westjordanland (unter Kontrolle Jordaniens) unter. Jerusalem wird in das israelische Westjerusalem und das transjordanische Ostjerusalem geteilt.

1967 – Der Sechstagekrieg

Am 5. Juni 1967 greift Israel nach bereits existierenden Spannungen aber ohne Kriegserklärung zunächst Ägypten und dann auch Jordanien und Syrien an. In nur sechs Tagen – deswegen der Name – erreicht Israel einen monumentalen Sieg und erobert das Westjordanland, Ost-Jerusalem, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die ägyptische Halbinsel Sinai. Der Jubel auf Seiten Israels ist riesig. Indes wächst der Frust bei den Palästinensern. Die Unruhen bleiben bestehen.

Ein Aufnahme aus Damaskus, Syrien, am 5. Juni 1967.
Bild: Bild: Imago

1973 – Der Jom-Kippur-Krieg

Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag und der Tag, an dem Ägypten und Syrien im Jahr 1973 überraschend Israel angreifen. Israel kann die Angriffe zwar abwehren und auch an der territorialen Lage verändert sich nichts. Der Jom-Kippur-Krieg führt jedoch zu Entwicklungen, die zur Folge haben, dass fünf Jahre später das Camp-David-Abkommen unterzeichnet wird – ein Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten unter der Vermittlung der USA.

Israels Premierminister Menachem Begin (links), US-Präsident Jimmy Carter (Mitte) und Ägyptens Präsident Anwar Sadat (rechts) in Camp David im US-Bundesstaat Maryland. Die Aufnahme stammt vom 12. September 1978.
Bild: Bild: Imago

Israel gibt Ägypten den Sinai zurück und erklärt sich bereit, den Palästinensern Autonomie zu gewähren. Die grundsätzlichen Probleme zwischen Israel und Palästina existieren jedoch nach wie vor. Der Gazastreifen und das Westjordanland sind weiter von Israel besetzt.

Die Lage nach 1979.
Bild: Bild: Shutterstock/Watson

1993 – Die Osloer Abkommen

Die Welt schaut gebannt nach Washington D.C. Am 9. September 1993 unterzeichnen Israel und Palästina in der amerikanischen Hauptstadt das erste einer Reihe von Abkommen. Benannt werden diese nach Oslo, der Hauptstadt Norwegens, dort haben die beiden Konfliktparteien zuvor monatelang intensiv verhandelt.

Israels Präsident Yitzhak Rabin (links) schüttelt Palästinenser-Führer Yasser Arafat die Hand. Begleitet werden die beiden Männer von US-Präsident Bill Clinton. Die Aufnahme stammt vom 13. September 1993.
Bild: Bild: Imago

Das Abkommen sieht eine fünfjährige palästinensische Autonomie im Westjordanland und im Gazastreifen vor. Dies unter einer neuen Führung: der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Eine Zwei-Staaten-Lösung ist zum Greifen nah. Gewisse Fragen bleiben jedoch offen. Beispielsweise, was mit israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet passiert und wessen Hauptstadt Jerusalem wird.

Der «Economist» schreibt von einem unübersichtlichen Flickenteppich an Regelungen. In gewissen Gebieten verfügen die Palästinenser über die volle Kontrolle. In anderen Teilen wiederum behält Israel die endgültige Sicherheits- oder sogar die volle Kontrolle.

Letztendlich führen auch die Osloer Abkommen nicht zum erhofften Frieden. Eineinhalb Monate nach Unterzeichnung des zweiten Vertrages (Oslo II) wird Israels Ministerpräsident Rabin 1995 von einem jüdischen Extremisten nach einer Friedenskundgebung in Tel Aviv ermordet. Zudem verübt die Hamas in Israel erste Selbstmordattentate. Die Folge: Israel grenzt den Gazastreifen strikt ab, um die Hamas-Terroristen vom eigenen Land fernzuhalten.

2005 bis heute

Im Anschluss an den zweiten palästinensischen Aufstand (zweite Intifada) zieht Israel 2005 seine rund 6500 Siedler und alle Soldaten aus dem Gazastreifen ab.

Im Westjordanland leben heute fast 3 Millionen Palästinenser und über 450’000 Israelis, deren Anzahl hat sich seit dem Osloer Abkommen vor 30 Jahren ungefähr vervierfacht.

Die Vorwürfe bezüglich Israels territorialem Vorgehen bleiben bestehen. In einem Bericht von Amnesty International ist von einem System der Diskriminierung und Unterdrückung die Rede. Seit Jahrzehnten werde Land und Eigentum der Palästinenser beschlagnahmt, ihre Häuser würden von den Israelis abgerissen und zwangsgeräumt. Der Kern der israelischen Politik bestehe darin, das palästinensische Volk zu zersplittern. Dies zeigt sich in der Karte am ausgedünnten Westjordanland.

Die Lage ab 2005 bis heute. Die Anzahl an Israelis im Westjordanland hat sich seit 1993 vervierfacht.
Bild: Bild: Watson

Der Gazastreifen wird seit 2007 von der Hamas kontrolliert. Immer wieder feuert die Terrororganisation Raketen auf israelisches Gebiet ab. Israel reagierte bereits viermal mit grösseren Vergeltungsschlägen.

Am 7. Oktober 2023 kommt es zum lange geplanten Grossangriff der Hamas auf Israel. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärt der Hamas den Krieg, die israelische Armee schlägt massiv zurück. Es handelt sich um die bislang blutigste Eskalation. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind in Israel bislang mindestens 1400 Menschen getötet worden. Im Gazastreifen kamen gemäss des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums 10’022 Personen ums Leben, die Zahlen zu Gaza lassen sich aktuell jedoch nicht unabhängig überprüfen.