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Norwegen

Ein Forscher wie aus dem Bilderbuch wird als russischer Spion enttarnt und verhaftet – der Fall weckt Erinnerungen

Er besuchte Seminare zu den Gefahren durch hybride Kriegsführung und zu Sabotage an Gasleitungen: Ein in Norwegen scheinbar gut integrierter Brasilianer entpuppt sich als raffiniert getarnter russischer Agent.

Hier im norwegischen Tromsø wurde ein russischer Spion verhaftet.
Bild: Rune Stoltz Bertinussen / EPA NTB SCANPIX

Eine Verhaftung an der Universität Tromsø in Nordnorwegen sorgt für Aufsehen. Festgenommen wurde ein angeblich brasilianischer Forscher. Der Geheimdienst wirft dem Mann vor, ein raffiniert getarnter russischer Spion zu sein: Er sei nicht 37 und auch nicht Brasilianer, sondern 44 und heisse Mikhail Valerijevitsj Mikusji.

Die Meldung schreckte umso mehr auf, als der Mann an einem Institut tätig war, das sich mit Sicherheitsfragen, mit hybrider Kriegsführung und Desinformation beschäftigt. Der Schock an der Uni war gross: Der Gastforscher war gut integriert, oft an sozialen Anlässen dabei, stellte viele Fragen – doch was jetzt den Mitarbeitern auffiel: Er erzählte kaum etwas Privates, benutzte keine sozialen Netzwerke.

«Wir fühlen uns hintergangen», sagte Gunhild Gjørv, seine Professorin. Der Mann, der sämtliche Vorwürfe zurückweist, hatte letztes Jahr um einen Forschungsaufenthalt gebeten, nachdem er in Kanada einen Master in Sicherheitspolitik abgeschlossen hatte.

Hybride Kriegsführung und Sabotage

Gjørv erhielt auch Empfehlungen von kanadischen Kollegen, worauf sie dem 44-Jährigen eine Art unbezahltes Praktikum anbot. Dieser erhielt dadurch Einblick in diverse Forschungsprojekte und konnte im September auch an einem EU-Seminar in Litauen teilnehmen. Das Thema: Gefahren durch hybride Kriegsführung, und das Szenario Sabotage an Gasleitungen.

Gjørv glaubt nicht, dass der mutmassliche Spion an der Uni Zugang zu vertraulichem Material hatte. Doch dies sei auch nicht der Punkt, sagte Hedvig Moe, Vizechefin des Geheimdienstes PST. Solche Personen arbeiteten sehr langfristig, hätten sich über Jahre eine falsche Lebensgeschichte aufgebaut:

«Sie haben in der Regel keinen direkten Spionageauftrag, sondern helfen Agenten mit Zugang zu Personen, sensitiven Informationen oder der Anwerbung von anderen Spionen.»

Der angebliche Forscher von Tromsø erinnert an ein 2010 vom FBI ausgehobenes Russen-Netzwerk, das ein scheinbar normales Leben in den USA führte, aber als «schlafende Agenten» im Hintergrund Informationsbeschaffung betrieb. Berühmt wurde vor allem die attraktive Anna Chapman, die als Immobilienmaklerin ein grosses Kontaktnetz pflegte.

In diesem Frühjahr wurde in den Niederlanden ein Praktikant am Internationalen Gerichtshof verhaftet. Auch ihm warf der Geheimdienst vor, ein unter falscher Identität spionierender Russe zu sein. Auch er gab vor, Brasilianer zu sein. Laut Experten kommt das nicht von ungefähr, da in Südamerika Personenregister oft fehlerhaft seien, was Identitätsdiebstahl erleichtere.

Dennoch ist der Weg über eine kanadische Universität an ein Institut in Norwegen lang. Die langjährige Täuschung mache es auch schwierig, solche Personen aufzuspüren, erklärte Hedvig Moe. Der Geheimdienst habe intensiv mit internationalen Partnern zusammengearbeitet. Experten gehen davon aus, dass gute Beweise gegen den Mann vorliegen, wenn man nun zur Verhaftung geschritten sei. Welche, ist aber unbekannt.