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Ukraine-Krieg

Besatzer «evakuieren» Cherson – Wladimir Putin verhängt das Kriegsrecht über die annektierten Gebiete

Die ukrainische Armee sammelt sich für eine Rückeroberung des für die russischen Besatzer wichtigen Verwaltungszentrums Cherson. Russland versucht derweil, die Front in der Südukraine mit drastischen Mitteln zu stabilisieren.

Russische Truppen bewachen ein Kraftwerk am Dnipro. Die Besatzer versuchen, angesichts der befürchteten ukrainischen Gegenoffensive, die Front bei Cherson zu stabilisieren.
Bild: AP

«Meinen Hund nehme ich auch mit, er ist quasi mein Ehemann», sagt eine Frau in rosafarbener Mütze und gelber Jacke. Die Rentnerin steht in Cherson am Neberezna-Boulevard in einer mehrere Hundert Meter langen Schlange und wartet aufs Schiff über den Dnipro. Dorthin sollen in den nächsten Tagen bis 60'000 Einwohner der russisch besetzten Stadt «evakuiert» werden.

Die Stimmung ist gedrückt, wie ein Video der russischen Tageszeitung «Izwestja» zeigt, doch herrscht keine Panik. «Busse warten auf der anderen Flussseite und bringen die Leute auf die Krim, nach Krasnodar oder eben weiter», berichtet ein junger Mann in einem schwarzen Hoodie mit der Aufschrift «Volksfront». Der pro-russische Volontär strömt Ruhe und Vertrauen aus.

Der vom Kreml nach der Einnahme der damaligen 300'000-Einwohnerstadt im März eingesetzte Verwaltungschef Wladimir Saldo hatte die Evakuierung im russischen Staatsfernsehen «Rossija 24» am Mittwochmorgen angekündigt: «Ab heute werden alle Regierungsstrukturen der Stadt, die zivile und militärische Verwaltung, alle Ministerien, an das linke Flussufer verlegt.»

Wohin alle die Beamten gehen sollen, ist unklar. Am linken Flussufer des Dnipro befinden sich nämlich nur Sümpfe und ein paar Streusiedlungen, jedoch keine Vorstadt von Cherson.

Ukrainische Streitkräfte sammeln sich für Gegenoffensive

Die russische Armee werde in der Stadt gegen die vorrückenden ukrainischen Truppen kämpfen, «Sie kämpfen bis zum Tod», versprach Saldo. Laut Saldos Stellvertreter Kyrill Stremousow haben die Ukrainer bis zu 50'000 Soldaten rund um Cherson zusammengezogen.

Auf den Lagekarten der aktuellen Frontlinie ist zu erkennen, dass die ukrainische Armee beim Flughafen auf bis zu 15 Kilometer an das wichtigste Verwaltungszentrum der russischen Besatzer ausserhalb der nahen, bereits 2014 besetzten ukrainischen Halbinsel Krim herangerückt sein könnten. In anderen Richtungen sind sie zwischen 20 und 30 Kilometer von Cherson entfernt.

Laut russischen Staatsmedien steht der ukrainische Sturm auf Cherson unmittelbar bevor. Die Lage bei Cherson sei «angespannt», sagt selbst der neue Kommandeur der russischen Invasionstruppen, Sergej Surowikin. «Schwierige Entscheidungen können nicht ausgeschlossen werden», warnte der General die russische Öffentlichkeit.

Laut Kiewer Beamten handelt es sich vor allem bei den Evakuierungen um eine russische Propaganda-Show. «Die Russen versuchen, die Einwohner von Cherson mit Falschnachrichten über den Beschuss der Stadt durch unsere Armee einzuschüchtern», schreibt Wolodimir Selenskis Präsidialamtschef Andrij Jermak auf Telegram. Westliche Geheimdienste hielten bisher eine Rückeroberung Chersons durch die Ukrainer ab Ende Oktober für möglich.

Deporationen durch Verhängung von Kriegsrecht

Bisher war die mögliche Evakuierung der verbleibenden, teils pro-russisch eingestellten Zivilbevölkerung aus Cherson von den Russen mit erwarteten «ukrainischen Anschlägen» auf den Staudamm des Flusswasserkraftwerks von Nowa Kachowka, rund 50 Flusskilometer aufwärts, begründet worden. Mehrere Stadtteile könnten in der Folge überflutetet werden, liessen die russischen Besatzer verlauten.

In den letzten Tagen wurde der Süsswasser-Kanal zwischen Nowa Kachowka und der Halbinsel Krim maximal angefüllt, um den Pegel des Stausees zu senken. Der Nowa Kachowka-Staudamm ist in dieser Gegend die letzte halbwegs intakte Brücke vom rechten zum linken Dnipro-Ufer für möglicherweise bald fliehende russische Truppen.

Putin hat das Kriegsrecht über die vier annektierten Gebiete verhängt.
Bild: Gavriil Grigorov / EPA

Am Mittwochnachmittag hat der russische Präsident Wladimir Putin die Massenevakuierung von Cherson legalisiert, indem er das Kriegsrecht über alle vier Ende September von Russland annektierten ukrainischen Gebiete verhängte.

as Kriegsrecht schafft Sonderrechte für Zivilverwaltung und öffentlichen Verkehr, noch mehr Repressionen und die Zwangsverschickung von Zivilisten nach Russland. «Die Wartenden haben sich selbst in die Listen eingetragen», sagte am Mittwoch ein pro-russischer Volontär in Cherson.

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