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Kommentar

Auf König Charles wartet eine übermenschliche Aufgabe

Nach dem Verlust ihres Stabilitätsankers Elizabeth II: Wie werden die Briten mit ihren schweren wirtschaftlichen und politischen Problemen fertig?

Mit allem Pomp, dessen ein altes Empire mächtig ist, haben die Briten ihre Queen am Montag zu Grabe getragen. Farbenprächtige Uniformen, anrührende Musik, Bibelverse in der blumigen Sprache des 17. Jahrhunderts - Militär, Geistlichkeit und Zivilgesellschaft gestalteten in perfektem Zusammenspiel ein Jahrhundert-Ereignis, das Grossbritanniens Position als Supermacht von Soft Power zementieren sollte.

Die ehrliche Trauer einer Familie um ihre Mutter, Grossmutter und Urgrossmutter verlieh dem würdevollen Protokoll eine menschliche Dimension. Natürlich mussten der neue König Charles und der ganze Windsor-Clan mit dem Tod einer hochbetagten, zuletzt zunehmend hinfälliger werdenden Dame rechnen. Natürlich mischt sich in den Schmerz die Dankbarkeit für ein langes, gut gelebtes Leben. Ein Verlust bleibt der Tod der Familienpatriarchin aber doch.

Die Queen: Nicht unbedingt geliebt, aber in höchstem Masse respektiert

Milliarden von Fernsehzuschauern in aller Welt waren keineswegs nur faszinierte Beobachter; viele Menschen haben ehrlich mitgetrauert um Elizabeth II, die irgendwie zum Leben dazugehörte. Die Massenmedien liessen die ganze Welt Anteil nehmen am Werdegang der Queen, von der glamourösen jungen Frau zur weisen Interpretin schwieriger Zeitläufte, die vielen Menschen Halt vermittelte.

Unvergessen bleibt ihre optimistische Ansprache zu Ostern 2020, als die Coronapandemie die Welt in Atem hielt: «Wir werden unsere Freunde wiedersehen. Wir werden unsere Familien wiedersehen. Wir werden uns wiedertreffen.»

Die Briten mögen die Queen nicht geliebt haben; Respekt und Dankbarkeit aber empfanden die meisten. Hunderttausende wollten dies auch persönlich ausdrücken. Sie legten an den Königsschlössern Blumen nieder, standen in Schottland an der Strasse, reihten sich in Edinburgh und London ein in die Schlange vor dem Sarg. In die Trauer und Dankbarkeit der zehntägigen Staatstrauer mischte sich Verunsicherung: Was kommt jetzt?

In Grossbritannien gärt es

Seit Monaten ist klar, dass Grossbritannien schweren Zeiten entgegengeht. Von der Energiekrise ist die Insel so schwer betroffen wie vergleichbare Industrienationen auch. Hinzu kommt der Brexit-Effekt, der das Land stetig ärmer macht und essenzielle Bestandteile des Königreiches wie Schottland und Nordirland von den in London regierenden Konservativen entfremdet.

Die neue Premierministerin Liz Truss hat ein weitgehend unerfahrenes Kabinett um sich versammelt und lässt sich Politik und Personal vom ultrarechten Parteiflügel diktieren.

Im Land gärt es. Eisenbahner und Postangestellte, Lehrerinnen und Krankenschwestern bereiten Streiks vor, um gegen das stetige Absinken ihres Einkommensniveaus zu protestieren. Im mittelenglischen Leicester schlagen sich junge Hindus und Muslime seit Tagen gegenseitig die Köpfe ein. Die einst respektierte Polizei begeht einen verheerenden Fehler nach dem anderen, nicht zuletzt bei der beschämenden Behandlung der winzigen Schar von respektvoll protestierenden Anti-Monarchisten.

Wie kaum jemals zuvor braucht Grossbritannien jene Stabilität, welche die Queen verkörperte. König Charles III wird schier Übermenschliches leisten müssen, um seinem Land einen ähnlichen Dienst zu erweisen.