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Orden für die Altkanzlerin

Angela Merkel ist eine historische Figur, doch hat sie auch Historisches geleistet?

Die frühere deutsche Kanzlerin erhält das Grosskreuz, die höchste Ehrung, die ihr Land zu vergeben hat. Dass Frank-Walter Steinmeier ihr den Orden verleiht, ist eine besondere Pointe.
Gravierende Versäumnisse: die frühere deutsche Kanzlerin Angela Merkel, hier am 7. Juni 2022 bei einem der seltenen öffentlichen Auftritte, die sie seit dem Ende ihrer Amtszeit absolviert hat.
Bild: Bild: Fabian Sommer / AP

Mit dem Begriff «historisch» werfen Politiker und Journalisten gerne um sich; meist tun sie es zu rasch und zu leichtfertig. Dass es sich bei Angela Merkel um eine historische Figur handelt, ist allerdings klar: Allein die Tatsache, dass sie als erste Frau deutsche Kanzlerin wurde, macht sie dazu.

Aber hat Merkel als Regierungschefin auch Historisches geleistet? Ihre Amtszeit endete vor gerade einmal anderthalb Jahren, sodass sich die Frage noch kaum seriös beantworten lässt. Dennoch stellt sie sich mit einer gewissen Dringlichkeit, denn heute Abend wird der Altkanzlerin das Grosskreuz in besonderer Ausführung verliehen, ein Orden, den nur zwei ihrer Vorgänger bekamen: Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Adenauer war der Gründungskanzler der Bundesrepublik; nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihm, sein Land im Westen zu verankern. Kohl reagierte geistesgegenwärtig, als sich die Gelegenheit bot, die Einheit Deutschlands zu erreichen.

Merkels Verdienste erscheinen weniger klar: Wirtschaftlich erlebte die Bundesrepublik unter ihr gute Zeiten, doch dürfte dies eher den Reformen ihres Vorgängers Gerhard Schröder zu verdanken sein. Ihre Politik in der Flüchtlingskrise mag von hehren humanitären Überlegungen motiviert gewesen sein, doch spaltete sie Europa und hinterliess Probleme, von denen viele noch einer Lösung harren.

Besonders gravierend erscheinen heute Merkels Versäumnisse im Umgang mit Russland: Hier führte sie die falsche Politik Schröders weiter. So vergrösserte sie Deutschlands Abhängigkeit von russischer Energie und schwächte die Position der Ukraine. Dass es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist, der Merkel nun ehrt, ist eine besondere Pointe: Steinmeier war unter Merkel und Schröder Minister – und fiel dabei durch eine besonders russlandfreundliche Haltung auf.

Historische Gestalten zeichnen sich nicht selten durch eine gewisse Ambivalenz aus. Kohl war auch in eine Spendenaffäre verstrickt, und ob der Euro, dessen Einführung er vorantrieb, von Dauer sein wird, muss sich noch zeigen. Auch Merkels Amtszeit mag Licht- und Schattenseiten aufweisen. Vielleicht hätte manches dafür gesprochen, noch etwas abzuwarten, bevor man zu einer so grossen Ehrung schreitet.