Paradigmenwechsel: Politik drängt auf präventiven Wolfsabschuss – Umweltverbände üben Kritik

SCHWEIZ (NACHRICHTEN) ⋅ Wölfe präventiv abzuschiessen ist in der Schweiz verboten. Das soll sich nun ändern: Die Umweltkommission des Ständerats legt einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor.

24. Juni 2022, 16:32

Ann-Kathrin Amstutz

Einen Paradigmenwechsel beim Abschuss von Wölfen: Nichts weniger als das schlägt die Umweltkommission des Ständerats vor. Neu soll bei der Regulierung von Wölfen nicht mehr entscheidend sein, welche Schäden ein Tier oder ein Rudel in der Vergangenheit verursachte. Vielmehr steht die «Verhütung zukünftiger Schäden oder Gefährdungen» im Zentrum, wie die Parlamentsdienste am Freitag mitteilten.

Parlament rüttelt am Volksentscheid zum Jagdgesetz

Nun legt die Kommission einen Gesetzesentwurf vor, dessen Ausarbeitung sie mittels einer Initiative selbst angeregt hatte. Es ist ein erneuter Anlauf zur Änderung des Jagdgesetzes, den auch die Umweltkommission des Nationalrats unterstützt. Im Januar hatte sie sich dafür ausgesprochen.

Doch damit rüttelt das Parlament am Volksentscheid vom September 2020, als die Revision des Jagdgesetzes abgelehnt wurde. Eine Mehrheit der Stimmbevölkerung sprach sich damals gegen einen präventiven Abschuss von Wölfen aus.

Die Umweltkommission sieht jedoch einen dringenden Handlungsbedarf. Der Wolfsbestand habe sich innert der letzten drei Jahre verdoppelt. Vor allem in den Bergregionen sei das problematisch. Um der «raschen Zunahme» entgegenzuwirken, sei die Gesetzesänderung dringend nötig. Mit einem neuen Artikel 7a im Jagdgesetz will die Umweltkommission des Ständerats deshalb die «rechtlichen Voraussetzungen für proaktive Eingriffe» in den Wolfsbestand schaffen.

Umweltverbände üben lautstark Kritik

Dagegen kommt von den Umweltverbänden lautstarke Kritik. Der WWF, Pro Natura, Birdlife und die Gruppe Wolf Schweiz schreiben am Freitag in einer gemeinsamen Mitteilung: Man verstehe nicht, weshalb die Kommission den «in der Volksabstimmung sehr umstrittenen Artikel 7a» wieder aufnehme, anstatt sich am Kompromiss der Organisationen der Land- und Waldwirtschaft, der Jagd und des Naturschutzes zu orientieren.

Gemeinsam mit dem Schweizer Bauernverband, dem Alpwirtschaftlichen Verband, der Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete und dem Schweizer Forstverein plädierte man für eine neue Revision des Jagdgesetzes. Diese solle «eine raschere Regulierung von Wolfbeständen bei wahrscheinlichen zukünftigen wesentlichen Schäden» ermöglichen. Jedoch dürften die regionalen Wolfbestände nicht in ihrer Existenz bedroht sein und der Herdenschutz müsse zentral bleiben.

Zuständigkeit bei Abschussbewilligung soll gleich bleiben

Wie die Parlamentsdienste weiter mitteilen, will die Kommission den Handlungsspielraum beim Abschuss von einzelnen Tieren vergrössern: Neu sollen Wölfe, die ihre natürliche Scheu verlieren, zunehmend in Siedlungen auftauchen und so zum Risiko werden, erlegt werden können. Gleich bleiben soll dagegen die Zuständigkeit für die Bestandesregulierung: Auch in Zukunft ist die Zustimmung des Bundesamtes für Umwelt notwendig, während die Kantone Abschussbewilligungen für einzelne Tiere erteilen können.


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