Fedpol-Chefin della Valle: «Tomaten sind das neue Kokain»

SCHWEIZ [NEWS SERVICE] ⋅ Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle malt zur Eröffnung des Observatoriums für Organisierte Kriminalität in Lugano ein düsteres Bild von der Präsenz italienischer Mafia-Organisationen im Land. Sie würde ein Gesetz für reumütige Mafiosi, die mit der Justiz zusammenarbeiten, begrüssen.

12. Mai 2021, 17:59

Gerhard Lob, Lugano

Gerhard Lob, Lugano

Das Organisierte Verbrechen breitet sich immer weiter aus. Und es nistet sich dort ein, wo es am wenigsten vermutet wird, insbesondere in der deutschen Schweiz. Zu diesem beunruhigenden Schluss kamen Nicoletta della Valle, Chefin des Bundesamtes für Polizei (Fedpol), sowie Bundesstaatsanwalt Sergio Mastroianni, am Mittwoch in Lugano. Anlass für ihre Ausführungen war die offizielle Einweihung des «Observatoriums für Organisierte Kriminalität» an der Universität der italienischen Schweiz.

Unter den Mafiaorganisationen wird die kalabrische ‘Ndrangheta von der Ermittlungsbehörden als besonders gefährlich eingestuft. Deren Aktivitäten umfassen Drogenhandel, Waffengeschäfte, Geldwäscherei, Wirtschaftskriminalität und Menschenhandel, vorab im Bereich der Prostitution. Verwiesen wurde aber auch auf die «Agromafia», die mittlerweile fast die gesamte italienische Lebensmittelproduktion kontrolliert. «Tomaten sind das neue Kokain», sagte Nicoletta della Valle und verwies dabei auch auf die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen von Feldarbeitern in Süditalien. Um ihre Erträge zu waschen, nutzt die Mafia häufig die Immobilien- und Gastronomiebranche.

Perfekt integrierte Personen

Doch wer sind die Mafiosi in der Schweiz? «Es sind die Enkel der einstigen Einwanderer», so die Fedpol-Chefin. Perfekt integrierte Personen, die einer normalen Berufstätigkeit nachgehen, aber gleichzeitig noch in die Strukturen eingebunden sind, mit denen schon ihre Grosseltern verbunden waren. «Diese Mafiosi sprechen Schweizerdeutsch», brachte es Bundesstaatsanwalt Sergio Mastroianni auf den Punkt.

Italien kennt im Übrigen in der Mafiabekämpfung härtere gesetzliche und strafrechtliche Vorschriften als die Schweiz. «Doch das ist nicht unbedingt zu unserem Vorteil, denn es hilft, die Aktivitäten der Mafia in die Schweiz zu verlagern», sagte Bundesstaatsanwalt Mastroianni. Della Valle bedauerte ihrerseits, dass die Schweiz – anders als Italien – kein Gesetz für reumütige Mafiosi, die so genannten pentiti, kennt. Anders gesagt: Sie würde eine Zusammenarbeit der Justizbehörden mit ausgestiegenen Mafiosi begrüssen, wenn dafür eine gesetzliche Grundlage geschaffen würde.

Ein neues Kompetenzzentrum

Das neue «Tessiner Observatoriums zur Organisierten Kriminalität» (O-TiCO) ist seit Januar im Rechtsinstitut der Universität der italienischen Schweiz eingegliedert. Das Kompetenzzentrum umfasst Dokumentationsmaterial zu Fällen der organisierten Kriminalität im Tessin in den letzten 50 Jahren sowie der letzten zehn Jahre aus der ganzen Schweiz: Zeitungsartikel, Fernseh- und Radiobeiträge, Fotos, aber auch offizielle Dokumente wie Anklageschriften oder Prozessakten. Fast 100 Fälle sowie 400 Namen sind erfasst.

Dazu kommen auch Dokumente zur Einführung oder Revision von Gesetzen sowie des Strafgesetzbuches. Ausserdem gibt es eine Bibliothek mit Fachliteratur zum Thema, sowie Berichte von Anti-Mafia-Kommissionen in Italien, aber auch zu politischen Vorstössen im Parlament.


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