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San Sebastian Film Festival

Ulrich Seidls «Sparta» feiert Weltpremiere – und ist gar nicht so polemisch wie man vermuten könnte

Anschuldigungen über den Umgang mit minderjährigen Laiendarstellern beim Dreh kursieren seit Wochen. Doch Ulrich Seidls Pädophilie-Film überzeugt wie bisher kein anderer Beitrag auf dem Filmfestival von San Sebastian.

Jedes Festival braucht Glamour und Polemik. Das 70. Internationale Filmfestival von San Sebastian hatte am Sonntagabend gleich beides: Juliette Binoche erhielt den Donostia-Ehrenpreis und Ulrich Seidls mit Spannung erwarteter und vorab kontrovers behandelter Film «Sparta» feierte eine «Waisenkind»-Premiere. Die Ankündigung Seidls, in San Sebastian der Premiere fernzubleiben und den Film für sich sprechen zu lassen, packte noch einen auf die Erwartungen drauf: Alle 1.800 Kinoplätze im Kursaal der nordspanischen Küstenstadt waren besetzt.

Im Vorfeld hatte das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in einer Reportage gegen Seidl diverse Anschuldigungen erhoben. Der umstrittene österreichische Regisseur, dem immer wieder vorgeworfen wird, Grenzen zu überschreiten, soll den rumänischen Eltern der minderjährigen Laiendarsteller vor den Dreharbeiten nicht über den pädophilen Inhalt des Films unterrichtet haben. Zudem wurden die Jungen angeblich ohne Vorbereitung und professionelle Betreuung teilweise Gewalt, Nacktheit und Alkoholismus ausgesetzt.

Regisseur und Crew verteidigen sich

«Der Spiegel» basiert seine Vorwürfe auf anonyme Aussagen von Eltern und Kindern. Seidl weist dies strikt zurück und hat rechtliche Schritte angekündigt. «Nie haben wir beim Dreh die Grenzen des ethisch und moralisch Gebotenen überschritten», erklärte sich der Regisseur.

Das österreichische Magazin «Profil» lässt ebenfalls zahlreiche am Dreh beteiligte Personen zu Wort kommen, die das Projekt verteidigen. Steven Swirko, der den «Sparta»-Dreh als Produktionsleiter begleitete, versichert: «Seidl erklärte den Eltern der Kinder, die er besetzen wollte, seinen Film sehr genau. Die Eltern wussten, worauf sie sich einliessen. Den Kindern haben wir ihn nicht erklärt, weil sie beim Dreh davon nie direkt betroffen waren.»

Auch seien die Kinder beim Dreh keinen unangenehmen Situation ausgesetzt gewesen, behaupten andere Seidl-Mitarbeiter. Klaus Pridnig, der bei «Sparta» unter anderem als Regieassistent tätig war, versichert ebenfalls, was gedreht wurde, sei «völlig harmlos» gewesen. Kein Kind sei in irgendeiner Form mit Sexualität oder gar Gewalt konfrontiert worden. «Die Kinder spielten Fussball, machten Sport, hatten beim Dreh einen Heidenspass, freuten sich darüber, im Zentrum zu stehen.» Neben Betreuern seien zusätzlich sogar zwei Pädagoginnen ins Team geholt worden.

Eine eigenartige Gala

Das Filmfestival in Toronto, wo die Weltpremiere von «Sparta» Anfang September hätte stattfinden sollen, nahm den Film kurzfristig aus dem Programm. Vor wenigen Tagen wurde dem Regisseur auch der Douglas-Sirk-Preis aberkannt, der ihm am 5. Oktober im Rahmen des Filmfests Hamburg hätte verliehen werden sollen. José Luis Rebordinos, Festivaldirektor von San Sebastián, hält solche Entscheidungen für falsch. Auch wenn die schweren Anschuldigungen natürlich geklärt und untersucht werden müssten, werde es «gefährlich, wenn Filmfestivals aufgrund medialen Drucks und blosser Anschuldigungen ohne Belege anfangen, vom Schuldprinzip und nicht vom Unschuldsprinzip auszugehen,» erklärt Rebordinos.

In San Sebastian läuft «Sparta» im Rennen um die «Goldene Muschel» im offiziellen Wettbewerb. «Es ist nicht nur eine von Seidls besten Arbeiten überhaupt. Mit der Premiere werden hoffentlich auch die ganzen Debatten um die Dreharbeiten endlich in den Hintergrund treten. Es ist ein herausragender, sehr eleganter Film», brach Festivaldirektor Rebordinos vor der Premiere eine Lanze für den Beitrag.

Dabei fand am Sonntagabend die wohl eigenartigste Gala in der 70-jährigen Geschichte des Filmfestivals statt: Weder der Regisseur noch ein einziger Schauspieler standen auf dem roten Teppich. Das verhinderte allerdings nicht, dass der Film nach der Vorführung mit riesigem Applaus gefeiert wurde. Auch die Presse ist begeistert. Selbst die erzkonservative Tageszeitung «ABC» schreibt, «Sparta» sei «ein viel besserer und besser verdaulicher Film als erwartet, den Sie mögen oder nicht mögen werden, aber er ist mit Finesse, Berechnung, Intelligenz und dem Wunsch gemacht, mehr Diskussionen als Kontroversen zu erzeugen».

Für die einen ist es Flucht, für den anderen Annäherung

In «Sparta» erzählt Seidl die Geschichte von Ewald (Georg Friedrich), der seine rumänische Freundin verlässt, weil seine sexuellen Neigungen pädophiler Natur sind. In einem Dorf in Transsilvanien baut er eine verlassene Schule um, erzählt den Eltern, er sei Kampfsportlehrer, um die Jungen des Dorfes kostenlos Judo beizubringen. Dabei verbringt er fast den ganzen Tag mit ihnen, filmt sie, beobachtet sie beim Fussballspielen, duscht mit ihnen. Für die Kinder bedeutet die Zeit eine Flucht aus dem tristen Familienalltag, für Ewald ist es die Möglichkeit, sich den Kindern zu nähern.

«Sparta» ist eine rohe, verstörende und düstere Reflexion über eine gebrochene Existenz. Der Film ist viel ruhiger, humanistischer und weniger provozierend, als man das vielleicht erwartet hätte. Stattdessen geht er sehr subtil und behutsam mit der Thematik um, auch wenn in ihm immer ein unterschwelliges Grauen lauert.

Explizite pädophile Sexszenen sind keine zu sehen. Die Beklemmung über das Unsagbare, das Unzeigbare, spielt sich in jeder Szene ausschliesslich im Kopf der Hauptfigur ab. Sehr wohl stehen die Kinder mit dem nackten Hauptdarsteller unter einer grossräumigen Dusche (sie selbst in Unterhose), werden mit nacktem Oberkörper fotografiert. Inwieweit das ein Problem für die Kinder oder auch deren Eltern darstellte, ist aus dem Film heraus nicht beurteilbar.

Kein Ende des Sensationalismus

Seidl betreibt keine Schwarz-Weiss-Malerei, bei der hier die gute Familie, da der böse Päderast steht. Im Gegenteil: Es sind betrunkene und gewalttätige Väter, vor denen die Kinder zu Ewald fliehen. Dabei sieht man in Ewald eine Figur, die innerlich leidet, mit seinen Gefühlen und Vorhaben hadert. In «Sparta» geht es auch um Einsamkeit, um ein fragwürdiges Männerbild, worauf bereits der Titel hinweist.

«Sparta» ist auf dem Filmfestival von San Sebastian bisher der Film, der die meisten Fragen aufgeworfen und in seiner Form und vom Inhalt am meisten geleistet hat. Gerade deshalb ist es schade, dass der 69-jährige Filmemacher ihn nicht persönlich in San Sebastian vorstellte und verteidigte. So kann die sensationalistische Gerüchteküche um die Dreharbeiten weitergehen.

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