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Toronto International Film Festival

Schweizer Filme präsentieren sich in Kanada auf einer Wellenlänge mit dem Weltkino

Rekordträchtige sieben Schweizer Langfilme waren diesen Monat am Filmfestival in Toronto dabei. Warum ist dieses hierzulande wenig bekannte Festival für hiesige Filmemacher so wichtig?

Manchmal braucht es 6477 Kilometer Abstand, um den Schweizer Film besser zu sehen. Das entspricht der Luftlinie zwischen Zürich und Toronto, wo soeben das Toronto International Film Festival  (TIFF) zu Ende gegangen ist. Unter den über 200 gezeigten Beiträgen aus aller Welt waren rekordträchtige sieben Schweizer Langspielfilme; sie haben sich allesamt als derart hervorragend erwiesen, dass sogar so etwas wie Nationalstolz aufkommen konnte.

Doch was bringt es dem Schweizer Film an diesem kanadischen Filmfestival gezeigt zu werden? Können Filmemacher aus einem kleinen europäischen Land in Nordamerika unter Hunderten von internationalen Stars – von Cate Blanchett bis Steven Spielberg – auf sich aufmerksam machen, sich gar gegen die enorme Konkurrenz durchsetzen?

Festivallauf für Schweizer Filme

«Das TIFF ist sicherlich eine der wichtigsten Lancierungsplattformen für Filme in Nordamerika und weltweit. Es ist ein Türöffner. Wenn ein Film hier gezeigt wird, stehen die Chancen gross, dass er auch andernorts gezeigt wird.» Das sagt Andreas Bühlmann, Leiter der Abteilung «Festivals & Märkte» bei Swiss Films, der Promotionsagentur des Schweizer Films.

Im zweisprachigen Kanada sei eine stärkere Verbindung zu Europa spürbar als andernorts in den USA: «Hier in Toronto hat der europäische Film die besten Chancen, für den gesamten, riesigen nordamerikanischen Markt entdeckt zu werden.» Ausserdem seien die Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem grössten Publikumsfestival der Welt «sehr wohlwollend, sehr welcoming». Für die Filmemacher sei das «eine schöne Erfahrung», sie bekämen «viel Applaus, viel Enthusiasmus».

Bühlmann gibt am Stand des europäischen Dachverbands «European Film Promotion» Auskunft, die Schweiz gehört hier zu den Gründungsmitgliedern. Er sei ein «Matchmaker», ein Verkuppler. Denn Swiss Films hilft jedem aufkommenden Schweizer Film einen passenden ausländischen Verleiher zu finden – oder noch besser: mehrere. Und Festivals sind die ergiebigsten Orte fürs Vernetzen. Swiss Films sorgt dank Geldern des Bundesamts für Kultur zudem dafür, dass Teile der Filmcrew an den Festivals vor Ort anwesend sein können; die Stiftung finanziert ihnen Reise, Kost und Logis.

Seit ein paar Jahren hat der Schweizer Film einen auffallend guten Festivallauf. Swiss Films schreibt im letzten Jahresbericht 2021 von einem «Preisregen». 2022 geht es ähnlich weiter. Mit sieben Langfilmen, darunter drei Weltpremieren, habe die Schweiz auch am diesjährigen TIFF eine «ausserordentliche Präsenz» erreicht, sagt Bühlmann. Hinzu komme, dass «Foudre» in der Sparte «Platform»gezeigt werde, das gelinge dem Schweizer Film nur alle fünf oder sechs Jahre.

«Foudre» ist ein so sinnlicher wie verstörender Film; er vereint vieles: eine Coming-of-Age-, eine Antigone- und eine religiös-historische Erzählung; Selbstfindung, Feminismus sowie Kritik an jeglicher binärer Rigorosität. Die Frage- und Antwortrund nach dem Film fällt dagegen eher kurz und oberflächlich aus. Am folgenden Tag zeigt sich Regisseurin Carmen Jaquier darüber etwas enttäuscht. Sie könne noch nicht einschätzen, wie der Film hier angekommen sei.

«Ich bin ein Niemand an einem Festival mit hunderten von Stars», sagt Carmen Jaquier, «aber jene, die sich meinen Film ansehen, sind wirklich sehr daran interessiert. Ihre Produzentin, Flavia Zanon von der Genfer Produktionsfirma Close Up Films, ist zuversichtlich: «Wir haben Toronto aus anderen Angeboten ausgewählt. Hier zu sein, verbessert das Profil des Films erheblich.» Kurze Zeit nach unserem Gespräch folgen viele überschwängliche Kritiken in diversen Medien.

Bilder aus der OP-Kamera für die grosse Leinwand

«Das TIFF ist ein scheussliches, vulgäres, konsumistisches Festival», sagt Lucien Castaing-Taylor – so wie alle grossen Filmfestivals. Der Co-Regisseur des eigenwilligsten Schweizer Beitrags pflegt eine erfrischende Anti-PR-Sprache, wie sich während unserer kurzen Begegnung in einem der Multiplexkinos herausstellt. Lucien ist Professor für Anthropologie an der Universität Harvard. Für seinen Film hat er gemeinsam mit der Schweizer Regisseurin Verena Paravel rund 400 Operationen in Pariser Krankenhäusern gefilmt.

In «De Humani Corporis Fabrica» verwenden die beiden Bildmaterial invasiver Kameras in Menschenkörpern, das sonst nur Chirurgen während Operationen auf Bildschirmen erscheint. Ein erstmaliges Filmexperiment. Gemäss Castaing-Taylor gibt es den Film nur dank zwei Schweizer Beteiligungen: Rita Productions in Genf sowie Patrick Lindenmaier von der Zürcher Postproduktionsfirma Andromeda, der erstmalig Bilder der Operationskameras technisch für die Kinoleinwand tauglich gemacht habe.

Castaings Film lief in der Avantgarde-Sektion «Wavelengths» – der für ihn einzige akzeptable Sparte an einem kommerziellen Festival. Damit hat sein Film mindestens zwei Sachen gemein mit «Unrueh» des Schweizers Cyril Schäublin. Dessen Film läuft in derselben Sektion und Anthropologie spiele für ihn eine wichtige Rolle, sagt Schäublin. «Ich interessiere mich für einen Aussenblick auf den Menschen, als ob ein Alien sie studierte.»

Eigenwilligkeit und Experimentierfreude

Ging es in Schäublins Erstling «Dene wos guet geit» um Geld, geht es in «Unrueh» um Zeit – und damit auch um Geld. In einem jurassischen Dorf des 19. Jahrhunderts machen vier verschiedene Zeitzonen (Fabrikzeit, Kirchenzeit, Gemeindezeit und Telegrafenzeit) sowie der Kampf um jede Minute die Menschen leicht irre.

Der Film wirkt wie eine Folge auf den Erstling, wieder mit einem Prolog, teils denselben Schauspielern und Schäublins eigentümlicher Kadrierung: Der Mensch erscheint im unteren seitlichen Bildrand, am Rande einer Mechanik, in der er nur ein Rädchen ist. Die Unrueh ist das entscheidende Teil einer analogen Uhr, aber Unruhe bringt auch ein russischer Landvermesser und Anarchist.

Die Jurassier in Schäublins Film sind dem Anarchismus zugetan, die Schweizer Filmemacher in Toronto der Eigenwilligkeit und Experimentierfreude; in der Wahl ihrer Themen wie ihrer Bildsprache. Am Werk ist eine global orientierte Generation, international gut vernetzt. So kommt es zu auffällig vielen länderübergreifenden Koproduktionen, darunter zwei mit Kanada. Den meisten dieser Filme merkt man nicht an, dass es sich (auch) um Schweizer Filme handelt. Einzig «Foudre» und «Unrueh» spielen in der Schweiz ­– im Oberwallis, respektive im Jura – doch über das Lokale wird letztlich eine universelle Geschichte erzählt.

Toronto stimmt optimistisch für den Schweizer Film. Während der Tod der Schweizer Altmeister Alain Tanner und Jean-Luc Godard wie ein letzter Abklang auf die grosse Filmära der 60er und 70er wirkt, künden die neusten Filme vom Erstarken einer jüngeren Generation wagemutiger Filmemacher. Via dem Filmfestival in San Sebastian ziehen nun einige dieser Filme weiter ans Zurich Film Festival: «El Agua», «Something you Said Last Night» und «Foudre». Das Ziel ist, so Andreas Baumann, dass die Schweizer Filme so viel Aufmerksamkeit wie möglich erhalten. Damit dann, wenn der offizielle Schweizer Filmstart anläuft, die Neugier des Heimpublikums maximal geweckt ist.

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