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Im Restaurant der gehobenen Erotik gibt's Lesbenrücken mit Serviettenknödeln

Am Schauspielhaus Zürich zeigt Yana Ross, die litauische-amerikanische Psychoanalytikerin des Gegenwartstheaters ihre letzte Arbeit: Ihre Inszenierung «Reigen» nach Ferdinand Schnitzler ist eine konstruktive Zumutung - und anderes mehr. 

Es ist ein Fest der Schauspielerinnen und ein Albtraum für Puristen. Die lettisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross zeigt am Pfauen den Theaterskandal des 19. Jahrhunderts, den «Reigen». Und auch ihre Inszenierung stösst vor den Kopf, doch anders, als man erwartet.

Zehn Paare aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten treffen sich zum Sex. Schnitzler rechnete ab mit der bürgerlichen Sexualmoral seiner Zeit. Yana Ross, die Psychoanalytikerin des Gegenwartstheaters, unterzieht die Vorlage einem höllisch riskanten Belebungsversuch. In ihrer letzten Arbeit im Leitungsteam des Schauspielhauses, eine Koproduktion mit dem Salzburger Festspielen, sucht die Regisseurin nach einem «Reigen» 2.0. So erteilte sie zehn internationalen Autorinnen und Autoren wie Lukas Bärfuss den Auftrag, je eine der zehn Paar-Konstellationen in die Gegenwart weiterzudenken. Das Ergebnis ist möglicherweise kein inhaltlicher, atmosphärischer und sprachlich kongruenter Abend, dafür ist er etwas ganz anderes, eigenes geworden.

Zehn Schattierungen der Macht

Der schmusige «Reigen» des Eros wird zum kühl-choreografierten Veitstanz der Macht. Verortet in einem Feinschmeckerlokal – die Decke so verspiegelt, dass sich das Publikum als Voyeure gegenübersitzt (Bühne: Marton Argh) – tanzt ein hinreissendes Ensemble auf den Minenfeldern der Abhängigkeiten in ihren unterschiedlichen Anwendungsgebieten: der Liebe, Politik und Familie.

Sex auf dem Hintergrund von Klassenunterschieden, Schnitzers Interesse und damals noch ein heisses Eisen, ist 2022 längst kalter Kaffee. Brühend heiss aber wird er wieder, wenn sich beispielsweise Folgendes ereignet. Eine vergewaltigte junge Frau (Tabita Johannes) macht ihrem Promi-Täter (Matthias Neukirch) in der Öffentlichkeit des Restaurants den Prozess; eine superattraktive Lesbe gängelt und quält ihre ältere Geliebte (Sibylle Canonica) mit Sadomaso-Spielchen. Da Frau sich so sehr begehrt, oder es zumindest vorgibt, rammt sie sich Messer und Gabel in die jeweiligen Körper. Das Wort Leibspeise wörtlich genommen.

Moderne Mütter befriedigen sich an der Waffe

In einer anderen Szene geilt sich ein Internet-Stalker (Urs Peter Halter) an der Angst seines Opfers auf. Wieder später gönnt sich eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs (Lena Schwarz) fünf Minuten Auszeit von ihrer Familie – und erschiesst zu diesem Zweck Mann und Maus und die drei Kinder. Wer Lena Schwarz dabei zusieht, wie sie sich mit einem (simulierten) Waffenarsenal, das für den Befreiungskrieg einer ganzen Nation taugte, Befriedigung verschafft, eine flirrende, flüssige Femme fatale, hat möglicherweise die Schauspielleistung des Jahres 2022 gesehen.

Die Textbeiträge sind von unterschiedlicher Qualität; und wenn Lukas Bärfuss aus Schnitzlers Figur des «Grafen» einen Rohstoffhändler macht, bleibt das ein Hinweis für Eingeweihte. Die Salzburger Festspiele wurden durch einen Nickelproduzenten unterstützt, bis Ross und Bärfuss diesen Sommer dagegen erfolgreich protestierten.

Yana Ross’ Inszenierung enthüllt etwas, was man in dieser Klarheit lange nicht mehr zu Gesicht bekam: Wenig anderes hebelt die Spiele der Macht erfolgreicher aus als die Macht der Imagination.

'Reigen' u.a von Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leila Slimani, Kata Weber, Lukas Bärfuss, Schauspielhaus Zürich bis auf weiteres.

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