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Tierisches Leben

Ich wär’ so gern ein Bonobo!

Seit unsere Kolumnistin sich vermehrt mit sich, das heisst mit Affen beschäftigte, weiss sie, wie die Welt zu retten wäre: Durch die Herrschaft der Bonobos, die Konflikte mit Sex und freier Liebe lösen. 
Bonobos sind die Hippies unter den Menschenaffen. Sie sind für Sex und freie Liebe.
Bild: Getty

In die Zukunft sieht man derzeit besser nicht, dort scheint wenig Gutes im Angebot. In die Gegenwart? Es braucht einen starken Glauben, um die Herbsttage nicht als Krisentage abzubuchen, vor dem Bau den Vorhang zu ziehen und sich zum Winterschlaf zusammenzurollen. Adieu Welt, ficht deine Händel ohne mich aus.

Mut macht die Vergangenheit, der scharfe Blick in die Geschichte. Nicht in eine diffuse Geschichte allerdings, sondern in die höchsteigene. In die Tage, als unsere Vorfahren Ganzkörperbehaarung trugen und niemand uns Weibchen dazu anhielt, die Achseln zu rasieren. Ins Zeitalter der Affen!

Zwei unserer nächsten Verwandten sind einerseits die Schimpansen, klar doch – andererseits die Bonobos. Von Letzteren hört man vergleichsweise wenig, und das hat seinen Grund. Bonobos sind die Hippies unter den Menschenaffen. Sie sind für freie Liebe.

Mit Blick auf die Weltlage steht für mich ausser Frage und ist meine Wahl schnell gemacht: Ich möchte so gern ein Bonobo sein. Es wäre die Alternative zum Homo sapiens, der augenscheinlich die Sapientia, die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Die Herrschaft der Bonobos neu zu installieren, die vor ein, zwei Millionen Jahren in die Binsen ging, ist die Rettung der Welt, die mir noch möglich scheint.

Seit ich mich vermehrt mit mir beschäftige, heisst mit Affen beschäftige, lasse ich mir von Primatologen den entscheidenden Unterschied zwischen Schimpansen und Bonobos erklären. Schimpansen lösen Konflikte vorzugsweise durch Aggression, Bonobos lösen sie – durch Sex. Gerne auch zwischen Frauen. Sexualität dient ihnen nicht nur zur Fortpflanzung, sondern zur Harmonisierung, zur Beruhigung und zur Friedenssicherung. Bonobos sind eine Art Blauhelme mit Mitteln des Sex.

In der männlich dominierten Gesellschaft der Schimpansen enden Konflikte oft tödlich. Männer üben sexualisierte Gewalt aus, Männer bilden Allianzen. Bei Bonobos haben Frauen das letzte Wort – und das erste. Männchen, die durchaus kräftiger sind, ordnen sich ihnen unter. Und nicht Angela Merkel hat die Willkommenskultur erfunden, das waren weit vor ihr die sozial talentierten Bonobos. Man weiss von ihnen, dass sich Weibchen mit erbeutetem Essen vor eine Gruppe setzen und die einzelnen Stücke an die Mitglieder gerecht verteilen.

Freilich soll man die linksliberalen Hoffnungen in sie nicht übertreiben. Bonobos sind weder woke noch vegan oder wenigstens vegetarisch. Sie sind geschlechtlich binär orientiert und in Bezug auf ihre Nahrung ganz wie wir – Allesfresser. Wäre ich ein Bonobo, ich würde die Vormacht der Schimpansen mit Küssen und Umarmungen – und selbstverständlich mit Sex – zum Einsturz bringen. Als Kamasutra-Primatin wäre ich sanft und freundlich, selbst mit den tyrannischen und brutalen Schimpansen. Wenn diese auf ihren Jagdzügen junge Schimpansen in Stücke reissen, und das tun sie nicht selten, blicken wir in unsere Vergangenheit. Beobachtet man Bonobos, ist das die Zukunft.

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