Helga Schubert gewinnt Bachmann-Preis

BACHMANN-PREIS ⋅ Bei der 44. Austragung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt sorgte die Schweiz nur in der Jury für Spektakel. Den Hauptpreis gewann die 80-jährige deutsche Autorin Helga Schubert.

Aktualisiert: 
21.06.2020, 14:01
21. Juni 2020, 12:48

Nach drei Tagen herrschte am Samstag eine gewisse Verlegenheit. Die Jury hatten mal anerkennend geurteilt, mal mit Kritik und Irritation reagiert. Doch keiner der 14 Beiträge hatte sich als dringlicher Favorit herauskristallisiert. So blieb die Spannung für die sonntägliche Preisentscheidung erhalten.

Es war dennoch keine Überraschung, dass die 80-jährige Helga Schubert mit dem diesjährigen Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist. Die mit 25'000 Euro dotierte Auszeichnung gilt als einer der wichtigsten Preise für deutschsprachige Literatur.

Schon einmal nominiert, aber verhindert

1980 war Schubert schon als Kandidatin für den Bachmann-Preis nominiert. Damals erhielt sie allerdings keine Ausreisegenehmigung aus der DDR. Der Triumph kam nun 40 Jahre später.

Ihr berührender Text "Vom Aufstehen“ erinnert sich in Rückblenden an Krieg, Flucht, die DDR und eine Mutter, die das Leben der Tochter bis ins Alter prägte, weil sie über hundert Jahre alt wurde.

Helga Schubert fügt das Autobiographische feinsinnig mit dem Ritual ihres Aufwachens und Aufstehens zu einem Ganzen. Während die Erzählerin sich von den Träumen der Nacht losmacht, bereitet ihr Partner nebenan den Morgenkaffee vor, mit dem "alles gut“ wird.

Nur Westermann auf Shortlist

Der diesjährige Bachmann-Preis war aus Schweizer Sicht durch drei solide Lesungen geprägt, die bei der Jury aber nur mässigen Anklang fanden. Als einziger schaffte es Levin Westermann auf die Shortlist.

Westermann las am Freitag den lyrischen Prosatext "und dann“, der zwischen den Genres oszilliert und von acht Tagen im Garten erzählt, die ereignislos ablaufen und nur durch unscheinbare Dinge "ruiniert“ werden. Zwischendrin geht refrainhaft die Sonne unter und sogleich wieder auf.

Am Samstag Mittag präsentierte Katja Schönherr die Geschichte einer Frau, die ihre kleine Tochter und ihren Ehemann manipuliert und das Lesepublikum im Ungewissen darüber lässt, was wahr und was falsch ist.

Den Abschluss machte Meral Kureyshi mit dem Coming-of-Age-Text "Adam“. Eine junge Frau um die 20 reflektiert zwischen Jugend und Erwachsenwerden ihr prekäre Situation. Wie zu Katja Schönherr fiel das Juryurteil auch hierzu geteilt aus.

Spiel mit dem Eklat

Für die eigentliche Aufregung aus Schweizer Sicht sorgte der Neo-Juror Philipp Tingler, auch bekannt aus dem Literaturclub von SRF. Seine Versuche, die atmosphärische Harmonie innerhalb der Jury zu sprengen, hatten etwas Belebendes.

Allerdings interpretierte Tingler seine Rolle zuweilen mit solcher Penetranz, dass am Ende der Eindruck eines nörglerischen Oberlehrers zurückblieb, der sich übergangen fühlte und immerhin alles besser gewusst hätte.

Weitere Preisträger

Der Deutschlandfunk-Preis ging an Lisa Krusche und ihre Erzählung "Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“, in der Virtualität und Realität in unverhoffter Aktualität einander durchdringen.

Aktuelle, brisante Themen zeichnen auch die Texte der weiteren Preisträger und Preisträgerinnen aus. Den Kelag-Preis erhielt "Immer im Krieg“ von Egon Christian Leitner – ein engagiertes Plädoyer gegen die soziale Vermessbarkeit der Menschen.

Der 3sat-Preis ging an Laura Freudenthaler und "Der heisseste Sommer“, und der Publikumspreis erhielt Lydia Haiders "Der große Gruss“, beides Texte mit Anklängen an die klimatische Aktualität.

Juroren zuhause vor der Kamera

Die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur fanden dieses Mal wegen der Corona-Pandemie virtuell und ohne Publikum statt. Die Juroren sassen je zuhause vor der Kamera, die Lesungen waren vorher schon aufgezeichnet worden. Das distanzierte Setting mochte die Live-Atmosphäre nicht vergessen zu machen.

Die Übertragung funktionierte dennoch recht gut, weil sowohl bei den Zuschaltungen wie bei den Einspielungen mit Erfolg auf eine gute Aufnahmequalität geachtet wurde. (sda)


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