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literatur

Einen so packenden Roman über Missbrauch in der Kirche hat man noch selten gelesen

In Steven Uhlys doppelbödigem Roman «Die Summe des Ganzen» gerät ein katholischer Priester in ein moralisches Dilemma. Es ist ein Verbrechen, das Leben zerstört. 

Im Zentrum des spannenden Romans von Steven Uhly steht der 50jährige Priester Roque de Guzman, der in einer Kirche am nordöstlichen Stadtrand Madrids Dienst tut, und vor allem im Beichtstuhl von Zweifeln gepackt wird. Da löst eines seiner Schäfchen das Problem einsamer Reisen, indem er zu Prostituierten geht, fühlt sich aber, zurück bei der Gattin, so mies, dass er zur Beichte rennt. Ein anderer prügelt seine Frau, und auch er verlässt den Beichtstuhl von Padre Roque de Guzman mit dem Gefühl, von Schuld befreit zu sein, - bis zur nächsten Beichte. Über lange innere Monologe wird Guzman als nachdenklicher Mensch geschildert, der sich weder Langeweile noch Werturteile erlaubt, und ständig darum ringt, dem «Gesetz Gottes» zu genügen.

Viele Sünder erleichtern sich in seinem Beichtstuhl

Dass Steven Uhly den Protagonisten seines neuen, achten Romans als Menschen mit hohem Anspruch an sich selbst erzählt, schafft eine gewaltige Fallhöhe. Bereit, in eine innere Nähe mit dem vermeintlichen Sympathieträger zu gehen, rechnet die Leserin nicht damit, ihn in einen Abgrund stürzen zu sehen, der tiefer kaum sein könnte.

Was passiert? Eines Tages kommt ein «Sünder» in den Beichtstuhl, der mit gehetzter Stimme eine gewaltige Schuld andeutet, die er – wider besseres Wissen – bald begehen würde. Fluchtartig verlässt er den Beichtstuhl – und kehrt am nächsten Tag wieder. Und dann steigert sich Padre Guzmans Beklommenheit ins Unerträgliche, als der unbekannte Mann ihm seine Verliebtheit, sein Begehren gegenüber einem 10jährigen Nachhilfeschüler beichtet.

Plötzlich wird dem Priester ein Spiegel vorgehalten

Ist es Zufall, dass dieser Nachhilfeschüler genau jener begnadete Sänger aus dem Knabenchor des Padre ist, der auch diesem wie ein Engel vorkommt? Plötzlich begreift die Leserin: Es ist der Priester, dem der Spiegel vorgehalten wird. Der Padre selbst hat an vielen Orten der Welt Kinder missbraucht, - und ist von den Kirchenoberen bestenfalls milde gerügt und an einen anderen Ort versetzt worden. Guzmans Verdrängung hört auf zu funktonieren. «Plötzlich weiss er, dass er nie vollkommen abgelassen hat von der Sünde, denn hätte er ehrliche Reue empfunden, er wäre niemals mehr in die Nähe kleiner Jungen gegangen …. Aber er wollte mitbegehren, mitbesitzen, er wollte nicht länger verzichten, er war es leid, zu verzichten … Warum hat Gott das Gesetz nicht so gemacht, dass auch jemand wie ich lieben darf?»

Klug erzählt Steven Uhly den Täter nicht als Monster, sondern als einen, der im Namen Gottes und der Kirche so ausschliesslich um sich selbst kreist, dass jegliches Mitgefühl für die Opfer, jegliche Einschätzung der verbrecherischen Dimension seines Tuns völlig ausserhalb seiner Reichweite liegen.

Die Urschuld ist: Er will nicht begreifen, was er anrichtet

Das, so versteht man, ist die eigentliche, die unermessliche Sünde: hartnäckig nicht begreifen zu wollen, um was es bei Missbrauch geht. Padre Guzman, so enthüllt das Buch, hat eine Blutspur hinterlassen. Jungen, die sich später das Leben genommen oder süchtig geworden sind; andere, die es mit äusserster Anstrengung schaffen, ihr Leben zu bewältigen. Der aufwühlende Roman – der gegen Ende noch eine überraschende Wendung nimmt - vermittelt die zentrale Erkenntnis, dass das grösste Verbrechen, gerade der Kirchenmenschen, darin besteht, die lebenszerstörende Dimension sexuellen Missbrauchs nicht anerkennen zu wollen.

Steven Uhly: Die Summe des Ganzen. Roman Secession, 156 Seiten.

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