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Klassiker des Monats

Die «Comédie humaine» ist die gigantischste Dichtung, die je ein Einzelner geschaffen hat - dafür benötigte ihr Erfinder 50'000 Tassen Kaffee

Honoré de Balzac sah sich als «Sekretär» der Zivilisation, erstellte das wohl gründlichste Inventar der menschlichen Laster und Tugenden.

Er hat gelebt, und er hat geliefert. Wenn sich das von einem Klassiker behaupten lässt, dann von Balzac. Seine «Comédie humaine» ist das gigantischste literarische Universum, das je ein Einzelner erschaffen hat, bestehend aus 88 Werken und rund 2000 Figuren.

Darin erstellt er ein«Inventar der Laster und Tugenden» seiner Zeit, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er sieht sich schlicht als «Sekretär» der Zivilisation. Auf seinem Pult beobachtet ihn beim Schreiben stets eine kleine Gipsfigur Napoleons. «Was er mit dem Schwert nicht vollendet hat», so Balzac, «wird mir mit der Feder gelingen.»

Sein Arbeitsalltag beginnt stets nach Mitternacht, wenn Paris schläft

Sein Arbeitsalltag beginnt stets um Mitternacht, wenn Paris zur Ruhe kommt. 18-Stunden-Schichten sind keine Seltenheit, in denen er bis zu 40 Manuskriptseiten füllt. Wie ein Statistiker berechnet hat, soll er sich mit rund 50 000 Tassen Kaffee wachgehalten haben.

Alles an Balzac ist masslos und verschwenderisch, sein Werk und sein Leben, sein Kopf und sein Bauch, nicht zuletzt auch seine Schulden. Er will nicht nur der fleissigste Dichter sein, sondern glänzt ebenso als Lebemensch in den Pariser Salons und übernimmt sich finanziell. Während die Gläubiger vorne an die Haustür klopfen, flüchtet er durch den Hinterausgang. Zumindest erzählen das die Spötter so.

Was Balzac über die Macht des Geldes schreibt, ist noch immer aktuell

Seine Literatur jedoch betreibt Balzac wie ein erfolgreicher Unternehmer. Er lebt in der Epoche des «Enrichissez-vous – Bereichert euch!», also mitten während der kapitalistischen Industrialisierung und des Börsenreichtums mit ihren Schattenseiten: Anlagebetrug, Insiderhandel, Schneeballsystem. So verdanken wir ihm einige der abgründigsten Porträts über Bankiers und Neureiche.

Zu den Meisterwerken der «grrrrrande comédie», wie er seine «Menschliche Komödie» ironisch bezeichnet, gehört neben den «Verlorenen Illusionen» auch «Glanz und Elend der Kurtisanen». Der Roman ist soeben in einer neuen, frischen Übersetzung von Rudolf von Bitter herausgekommen. Ein perfektes Vorweihnachtsgeschenk!

Wenn Balzac darin über die Macht des Geldes und die Macht der Leidenschaften erzählt, ist sein Realismus erstaunlich zeitlos. Er macht sich kundig, wie die Welt, auch die Halb- und Unterwelt, aussieht. Und was er erzählt, ist weniger literatur- als lebensnah. Bekannt sein Ausspruch: «Ich bin Mitglied der Opposition, die sich das Leben nennt.» Man hört seine Figuren atmen. Er glaubt so stark an sie, dass man auch als Leser an sie glauben muss.

Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen. Roman. Herausgegeben und übersetzt von Rudolf von Bitter. Verlag Hanser, 816 Seiten.

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