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Kim de l'Horizon

Der erste genderfluide Roman der Schweizer Literatur: Was bringt er?

Über die queere Community zirkulieren manche Ressentiments. Wie es wirklich ist, in einem nonbinären Körper zu stecken, erzählt der Debütroman «Blutbuch».

Lautstark bringt sich derzeit die queere Gemeinde im literarischen Bereich ein, vor allem mit Forderungen, wie künftig zu schreiben sei und was ganz und gar nicht mehr gesagt werden darf. Die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling sieht sich sogar als Opfer eines Transgender-Shitstorms.

Ihr wurde zum Verhängnis, dass sie allzu penetrant an der herkömmlichen Zweiheiligkeit der Geschlechter festhält. Für Rowling gibt es nur Männer und Frauen. Über trans Menschen äusserte sie sich verletzend. Zudem scheint sie sich unter homophoben Freundinnen nicht unwohl zu fühlen.

Den Hass, der ihr deswegen im Netz und an Demos auf der Strasse entgegenschlug, hat Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith nun in ihrem neuen Krimi «Das tiefschwarze Herz» verarbeitet. In einem Erzählstrang terrorisieren Trans-Trolle eine bekannte Künstlerin, schliesslich wird sie ermordet. Eine von Ressentiments und Rachegelüsten aufgeladene Auseinandersetzung mit queeren und nonbinären Menschen.

Wie fühlen sich nonbinäre Menschen in ihrer Haut?

Ergiebiger ist es, das Klischee von der vermeintlich fanatischen und intoleranten LGBTQ+-Community einmal hinter sich zu lassen. Fragen wir einmal umgekehrt, wie sich queere und trans Personen in ihrer Haut oder in ihren diversen Häuten fühlen. Was ist so schlimm an der Vorstellung, dass sich die herkömmlichen Geschlechterbilder auflösen oder jedenfalls erweitern und dass wir nicht mehr nur Männer oder Frauen sind, sondern auch etwas dazwischen? Die Kultur ist dazu da, solchen Fragen nachzugehen.

Seit kurzem ist die Literatur der Schweiz tatsächlich um einen Roman reicher, der weder von einer Autorin noch einem Autor geschrieben worden ist, sondern von einer nonbinären oder genderfluiden Person mit dem Kunstnamen Kim de l’Horizon, dreissigjährig, aus dem Bernischen, Absolvent des Bieler Literaturinstituts.

Wer nun dahinter mit dem bösen Rowling-Blick nur eine Masche vermutet, mit der sich der Queerness-Hype bedienen lässt, macht es sich zu leicht. Kim de l’Horizons Debüt «Blutbuch» ist kein flink dahingeschriebenes Produkt, das eine Marktlücke füllen soll. Dafür ist es viel zu radikal und vielschichtig und steht nicht umsonst auf der Longlist für den deutschen Buchpreis.

Der Roman schliesst an die feministischen Befreiungsbücher an

Es ist weder ein queeres Bekenntnisbuch noch ein Coming-of-Age-Roman, weder ein Familienroman noch pure Autofiktion, vielmehr, wie könnte es anders sein, etwas dazwischen. Am ehesten schliesst es an die frühen feministischen Befreiungsbücher an. Am Horizont von Kim de l’Horizon sind vor allem weibliche Personen zu sehen, die Grossmutter und die Mutter, aber auch zwei Frauen der Familie, die früh verschwanden: Eine starb, die andere kam ins Frauengefängnis Hindelbank, weil sie unverheiratet schwanger wurde.

Besonders die Annäherung an die Grossmutter, die an Demenz leidet, gehört zum Behutsamsten und Zärtlichsten, was die Literatur der Schweiz zu bieten hat. Das ist darum erstaunlich, weil Kim sich als Kind vor der Grossmutter fürchtet und oft aus einer rebellierenden Position schreibt.

«Danke, dass du dich einen Dreck um mein Geschlecht scherst!»

Während einer «Verkleidungsphase», als das Kind Mädchenkleider anprobierte, sagte die Grossmutter grob, es solle die Kleider ausziehen, es sei kein Mädchen. Später dankt Kim ihr aber, «dass du dich einen Dreck um mein Geschlecht scherst». Das Kind muss sich entscheiden: Die Leute bedrängen es mit der Frage, was es denn sei - Bub oder Meitschi?

Der Körper bleibt etwas Undefinierbares, etwas Fremdes und muss darum erkundet werden. Es bereitet Kim Lust, «mir möglichst viel, möglichst Fremdes einzuverleiben. Es bereitet mir auf jeden Fall die grösste vorstellbare Lust, als reine Abladestation benutzt zu werden.» Eine Körpergeschichte ist zwangsläufig auch eine Geschichte der Sexualität dieses Körpers. Das exzessive Liebesleben erlaubt Kim de l’Horizon poetische Ausbrüche. Es ist wie ein wütend aufbegehrendes Anschreiben gegen die «Fremdsprache», mit der sich der eigene Körper nur darstellen lässt.

Das erzählende Ich ist sich der «Wasserhaftigkeit meiner Existenz» bewusst

Das erzählende Ich kommt nicht vom eigenen rätselhaft fluiden Körper los, begibt sich auf die Suche nach dessen Ursprüngen, besonders nach den Müttern, die im Bernischen, entliehen aus dem Französischen, «Meer» heissen. Es ist eine Suche nach familiären Überbleibseln, nach «Schwemmgut» in einem mütterlichen Ozean. Kim ist sich der «Wasserhaftigkeit meiner Existenz», des «wässrigen Ichs» bewusst.

Diese fluide Form hebt nicht nur die starren Geschlechtergrenzen auf, sondern auch jene zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die eigene Geschichte verbindet sich mit den Geschichten von unbeugsamen Frauen. Die fliessende Existenz bedeutet nicht nur Schmerz und Missverständnis, weil Kim als «Schwuchtel» diffamiert oder einmal spitalreif geprügelt wird, sie ermöglicht auch eine Freiheit, sich von überholten Denktraditionen und Sprachgeröll zu lösen.

Womit wir bei der Form sind: Ist der erste wirklich queere Roman der Schweizer Literatur bis zur Unleserlichkeit durchgegendert? Nein, der Gebrauch von Gendersternchen hält sich angenehm in Grenzen. Statt «jemand» heisst es «jemensch» - damit lässt sich leben. Kim de l’Horizon schaut sich beim Erzählen immer wieder auf die Finger, reflektiert die Sprache und den eigenen Roman, der so eigenwillig ist, dass man einzelne Durchhänger gern verzeiht.

Warum der Titel «Blutbuch»? Im kleinen Gärtchen der Familie steht eine überdimensioniert wirkende Blutbuche, gepflanzt vom Urgrossvater. Ebenso minutiös wie die eigene Körper- und Kindheitsgeschichte recherchiert Kim de l’Horizon die Geschichte dieses Baumes, entlarvt dabei eine machohaft-elitäre Geschichtsschreibung und grenzt sich zugleich listig, aber entschieden davon ab. Ein bemerkenswert dichter und tiefgründiger Erstling!

Kim de l’Horizon: Blutbuch. Roman. Verlag Dumont, 334 Seiten.

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