«Schwyz, natürlich!»

Seelenfrieden als Zürcher in Schwyz

31. Mai 2019, 00:00

Anfang des Jahres brachte der Zwingli-Film unseren Reformator neu ins Bewusstsein und auch, dass sein Freund Jakob Kaiser, der die neuen Ideen in Schwyz predigte, hier verbrannt wurde. Eigentlich waren doch damals viele dieser Ideen in der Innerschweiz schon verwirklicht und gelten auch ohne erfolgreiche Reformation bis heute? Drei will ich andeuten:

Die von Zwingli und dem Rat der Stadt in Zürich eingeführte «Armenpflege» sehe ich umgesetzt in der funktionierenden Nachbarschaftshilfe. Als Pfarrer in der Stadt erlebte ich professionelle und an Fachstellen delegierte Sozialarbeit; hier ist die Hilfe oft zuerst spontan und freundnachbarschaftlich, ohne grosse Organisation. Weil man sich kennt, hilft man sofort. Es existiert ein natürliches soziales Netz normaler ausgedrückt: Es existieren Nachbarn, und es gibt selbstverständliche Solidarität.

Zwingli wollte die Kirche von unten nach oben verstanden und organisiert haben, nicht umgekehrt, nicht hierarchisch. Das entspricht doch genau dem Kirchen-, dem Gemeinde- und dem Staatsverständnis der Schwyzer Bevölkerung. Was im Kleinen und an der Basis entschieden werden kann, brauche ich nicht «oben» zu erfragen. Das urdemokratische Denken hat Zwingli vielleicht vom Toggenburg oder von Einsiedeln mitgebracht oder vielleicht ist es schon damals den Eidgenossen (samt den Zürchern) gemeinsam gewesen.

Worte müssen sich in Taten erweisen, schöne Predigten ändern wenig. Auch das ist eine Überzeugung, die in Schwyz wie bei Zwingli verankert ist. Und dieses dritte bildet die Klammer zwischen den ersten beiden Merkmalen. Letztlich geht es ums Authentische, ums Echte: darum, dass Wort und Tat sich decken. Es soll ehrlich gesprochen und gehandelt werden. Da reicht schon ein Handschlag, ohne schriftliche Abmachung.

Diese drei Grundhaltungen finde ich als Zürcher in Schwyz. Sie erleichtern mir das Leben in beiden Mentalitäten und verbinden beide Welten. «Wo bist du jetzt eigentlich daheim?», fragt man mich in Zürich. Und ich sage: in Schwyz, natürlich!

Reto Müller

1951 in Zürich geboren, war Reto Müller von 1982 bis 1994 Religionslehrer und Seelsorger im Kollegi Schwyz und im Lehrerseminar Rickenbach. Von 2006 bis 2018 war er Pfarrer in Schwyz, seit 2018 Aushilfs- und Spitalseelsorger in Schwyz.


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