«Schwyz, natürlich!»

Schwyz übernatürlich

09. August 2019, 00:00

Schwyz war und ist für mich ein reeller und ein mystischer Ort zugleich, eine Stätte der verschlungenen Pfade. Wenn ich fern vom Flecken Schwyz die Augen schliesse, wandere ich wieder durch die unzähligen Gassen und Strassen, die ich von frühester Kindheit an mit verschiedenen Familienmitgliedern, später mit Freunden und Freundinnen, dann mit meiner eigenen Tochter gegangen bin. Am liebsten waren mir die laubübersäten Wege rund um den Maihof oder die bemoosten im Gibelwald.

Die Loostrasse liebte ich, weil ich sie einmal im Novembernebel mit Liechtensteiner Freunden entlangging, bis hoch zur Hühnerfarm. Es war ein absichtsloser Spaziergang unter jungen unverliebten Leuten, ungewöhnlich für mein nervöses Herz. Von der Loostrasse her gelangt man einfach zum Dorfbach, wo meine Mutter aufgewachsen war und ich 1991 am Eidgenössischen Studentenverbindungsfest einen Bodanier namens Novalis ziemlich attraktiv fand, dann aber mit einem Prosaischeren zusammenkam. Er hiess Cleverle und so küsste er auch.

Ich erinnere mich an den Lehmboden im Nietenbach, dessen Lauf ich unbeirrbar folgte, Bachbettstufe um Bachbettstufe dem Ried entgegenkletternd. Meine Füsse sanken ein, im selben Mass stieg das Glück die Gurgel hoch und schnürte sie zu. Ich sehe das Tschütschi, (die Zungenlaute des Tschtsch schnalzten im Takt zu meinen Sandalen, die ein wenig klackerten auf den Steinen); in der Grotte im Tschütschi hatte jemand der heiligen Bernadette die Hände abgehackt.

Ich sehe mit geschlossenen Augen auch meinen Schulweg über den Steisteg, der eine einzige Wiese war, wie für Riesen oder für ein Sagentier gedacht, gesäumt von Apfelbäumen; oder die Lückenstrasse, die an der alten Gerberei vorbeiführte: Fasziniert und irritiert vom Geruch träumte mir während unzähliger Nächte, eine Kuh renne auf mich zu.

Dann kommt mir das Gesirre der Bsetzisteine auf dem Hauptplatz zu Ohren, wenn Pneus über sie rollen. Und nun öffne ich die Augen und sehe wie meine Eltern, die nicht mehr unter uns sind, die Käskuchengasse hochsteigen, nach der Messe am Sonntag und für einen kurzen Moment beraten, ob sie im Schwyzerstubli unter der Pergola noch etwas verweilen wollen. Verweilen, so schön.

Graziella Contratto

Die bekannte Dirigentin und Musikpädagogin wurde 1966 in Schwyz geboren.


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