«Schwyz, natürlich!»

Mein Schwyz

11. Juli 2019, 00:00

Die schlimmsten Schwyzer sind die, die nicht mehr in Schwyz leben. Ich bin einer von ihnen. Wenn ich wieder einmal in der Heimat bin, beklage ich mich am liebsten über die Veränderungen. Auf der Chappelweid haben wir noch geschlittelt, sage ich dann, und äussere mich unfreundlich über die Architektur der neuen Häuser, die da stehen. Ich bedaure, dass es den Käseladen in der Herrengasse nicht mehr gibt und das Seilbahnstub­li auf der Rothenfluh immer geschlossen hat. Hier ass man früher Spiegeleier für vier Franken, und wenn man die Literflasche Rivella nicht ausgetrunken hat, konnte man seinen Namen auf die Etikette schreiben und die Flasche einstellen. Wo gibt es so etwas noch? Hauptsächlich in der Erinnerung.

Wenn ich an Schwyz denke, dann denke ich an die energische Klara Bürgler von der Mittelstation und an Herrn Küttel – im Winter diente er auf der Rothenfluh mit seiner orangen Kappe, im Sommer machte er den Grill in der Badi. Oder an Pfarrer von Holzen, der zwischen der Kirche und dem «Letzten Batzen» pendelte und wenn Franz Heinzer ein Skirennen gewann, seinen Fanpullover anzog und in Rickenbach durchs Dorf trychelte. Endstation: «Magdalena». Schwyz war voller Figuren. Sie begleiteten einen durchs Leben, selbst wenn man mit ihnen gar nicht viel zu tun hatte.

Ginge es nach mir, dann würde sich in Schwyz überhaupt nichts verändern. Es würde immer das alte Schwyz bleiben, ein Kindheitsschwyz.

Die Kantonsverwaltung wäre im Kollegi nie eingezogen, das «Rössli» nie restauriert worden und so weiter. So ignorant daherreden kann natürlich nur, wer nicht mehr in Schwyz lebt. Ich erscheine hier mittlerweile eher als eine Art Kurgast mit vertieften Kenntnissen über die einheimische Bevölkerung. Fast immer, wenn ich in Schwyz bin, gehe ich ins Café Haug. Auf den Untertassen liegen Deckchen aus Papier. Der Blick durchs Fenster auf die Bahnhofstrasse wird seit Ewigkeiten von den gleichen weissen Vorhängen verdeckt. Die Zeit wirkt wie stehen geblieben.

Benedict Neff

Benedict Neff, 36, ist Deutschland-Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» in Berlin. Er studierte Germanistik und Geschichte in Zürich und Wien. Aufgewachsen ist er in Schwyz.


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