Olympisches. – Auch für Gian Gilli bedeuten die Spiele in London Neuland. Der Bündner Wintersport-Experte mit Erfahrungsschatz im Schneesport und Eishockey ist erstmals von Anfang an alleiniger Missionschef, nachdem er vor den Winterspielen in Vancouver erst spät Erich Hanselmann abgelöst hatte.
«Ich werde wohl erst in London merken, welche Dimension die Sommerspiele bedeuten», sagt Gilli. Er wird für London nicht so viele Athletinnen und Athleten ins Rennen schicken wie seinerzeit für Vancouver. Gegenüber den 146 Schweizern an den letzen Winterspielen nimmt sich die Vertretung mit wohl etwa 90 Athleten bescheiden aus.
Nicht bescheiden sind aber die Zielsetzungen. Die Athleten sollen leistungsfähig sein, gefordert wird Top-Ten-Potenzial, mit Ausnahme der Königsdisziplinen Leichtathletik und Schwimmen (Top 16). Im Medaillenspiegel wird ein Platz in den Top 25 angestrebt. Im Interview mit der Sportinformation spricht der Bündner über Selektionen, das Fussballturnier und Zielsetzungen.
Gian Gilli, in knapp zwei Monaten beginnen die Olympischen Spiele in London. Es gibt zwei Credos: Man kann mit einer zahlenmässig möglichst grossen oder einer sehr starken, dafür kleineren Mannschaft antreten. Sie haben schon gesagt, dass alle Athleten, die ins Olympiakader wollen, ein gewisses Potenzial aufweisen müssen. Sie tendieren also klar zur zweiten Variante?
Gian Gilli: Man kann ein Team nicht unbeschränkt gross machen, durch die Quotenplätze gibt es ohnehin klare Restriktionen. Im Mountainbike hätten wir fünf Medaillenkandidaten, können aber nur drei Athleten selektionieren, weil wir nur drei Startplätze haben. Die strategische Vorgabe von Swiss Olympic ist klar: Man will mit einem Team an die Olympischen Spiele, welches konkurrenzfähig ist, man will international vorne dabei sein. Die Athleten sollen Top-Ten-Potenzial aufweisen, im Schwimmen und der Leichtathletik mindestens Top 16. Es gibt zudem in den Richtlinien den Nachwuchspassus. Wenn ein Athlet im Bereich U23 aussergewöhnliches Potenzial aufweist, kann sein Verband beantragen, ihn zu selektionieren, auch wenn der Sportler die Limite an sich nicht erfüllt. Die Ansprüche sind aber hoch. Es ist ein Zeichen an die Sportfamilie Schweiz, dass jemand, der an die Olympischen Spiele will, absolut konkurrenzfähig sein muss. Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen, dass wir bezüglich der langfristigen Planung Eliteathleten wollen und nicht Durchschnitt.
Haken wir kurz bei der Leichtathletik ein. Es gibt ja auch Bundesgelder, die gesprochen werden vom BASPO hinsichtlich der Förderung von Grossanlässen in der Schweiz. 2014 findet die EM in Zürich statt. Ist dies auch ein Aspekt bei der Selektion für London?
Grundsätzlich sind Olympische Spiele nicht da, um als Hauptprobe für etwas anderes hinzuhalten. In diesem Fall gibt es aber sicher Überlegungen, die man sich machen muss, auch weil man die Selektionsmöglichkeiten für U23-Athleten hat. Ich hoffe, dass gewisse Athleten die Kriterien des Nachwuchspassus erfüllen, damit wir sie auch mitnehmen können.
Die Leichtathletik ist noch vor dem Schwimmen die Königsdisziplin der Spiele. Spielt das auch eine Rolle? Würde man also vielleicht in einem Härtefall eher einen Leichtathleten mitnehmen als eine Bogenschützin? Oder ist die Bedeutung der Sportart innerhalb der Spiele für Swiss Olympic kein Kriterium?
Es steht ausser Zweifel, dass die Leichtathletik eine Hauptsportart ist. Dieser Bedeutung und der grossen internationalen Konkurrenz wird insofern Rechnung getragen, als die Athleten in der Leichtathletik und im Schwimmen, wie erwähnt, das Potenzial für die Top 16 statt für die Top 10 nachweisen müssen. Top 16 entspricht dem Halbfinal. Es würde nichts nützen, Leute zu schicken, die bereits im Vorlauf abgehängt werden.
Es gibt Sportarten, die in der Schweiz klein sind, aber weltweite Bedeutung haben wie Badminton mit all den Asiaten. Ein Top-Ten-Platz ist da unrealistisch, aber ein Quotenplatz ist an sich schon ein schöner Erfolg. Wie tragen Sie dem Rechnung?
Wenn man sieht, dass in solchen Sportarten Athleten da sind, die Ausnahmeerscheinungen sind - von denen gibt es nicht viele -, dann soll in deren persönliches Umfeld investiert werden. Gerade im Hinblick auf Olympische Spiele ist Swiss Olympic auch bereit zu unterstützen. In Absprache mit dem Fachverband gibt es in diesem Fall eine Art Einzelunterstützung. Dann ist das Geld auch effizient eingesetzt.
Erstmals seit den Handballern in Atlanta 1996 ist die Schweiz an Sommerspielen wieder in einer Mannschaftssportart vertreten. Wie sehen Sie die Qualifikation der Fussballer und den Stellenwert dieser Sportart bei Olympia überhaupt? Es ist ja nicht einfach, das Turnier in den nationalen und europäischen Klubfussballbetrieb einzubetten.
Erstens ist es ein Qualitätsbeweis für den Schweizer Fussball, gerade wenn man sieht, dass sich Nationen wie Deutschland nicht qualifiziert haben. Da kann der Fussballverband wirklich etwas für sich in Anspruch nehmen. Es ist eine Topleistung. Zweitens bedaure ich es etwas, dass sie auf der ganzen Insel spielen müssen und nicht beim Olympia-Team sein können. Sie werden die Kleider fassen und sind dann einen Tag hier und einen Tag dort und werden viel reisen müssen. Ich hoffe umso mehr, dass sie gut spielen, dann im Halbfinal oder im Final antreten und sich in den Olympia-Zirkus integrieren können. Ich bin aus meinen Gesprächen mit Alex Miescher und Peter Knäbel vom SFV sicher, dass sie ein gutes Team haben werden. Natürlich ist es generell problematisch wegen der Interessen der Klubs. Ich verstehe diese auch, bin aber zuversichtlich, dass ein guter Kompromiss zwischen dem SFV und den Klubs gefunden wird.
Eine Frage, die sich vor den Olympischen Spielen immer wieder stellt, ist diejenige nach den Zielsetzungen. Wie viele Medaillen erhoffen Sie sich?
Die Medaillendiskussion ist notwendig, aber ich führe sie nicht gerne. Im Prinzip muss man für eine Medaille drei Topathleten einrechnen. Denn eine Garantie für Medaillen gibt es nie. Da braucht zum Beispiel nur Cancellara einen «Platten zu haben, und schon kann man seine Medaille vergessen. Wir haben Topstars wie Roger Federer, Fabian Cancellara, Nino Schurter oder Nicola Spirig, die in der Weltspitze etabliert sind. Dass diese Medaillenchancen haben, ist naheliegend. Dann haben wir jüngere, die in die Weltspitze hereindrängen wie die Fechter, Swann Oberson oder die Ruderer, die Schritt für Schritt weiterkommen. Und dann kommt vielleicht noch ein junger «frecher Siech», der unbeeindruckt ans Ganze herangeht. Die strategische Vorgabe ist ein Platz in den Top 25 im Medaillenspiegel, dazu braucht es wohl sieben bis neun Medaillen. Das ist sehr anspruchsvoll. Wenn wir das erreichen, dann können wir jubeln, aber wir müssten auch mit fünf bis sieben Medaillen absolut zufrieden sein. Wenn es aber optimal läuft, können wir auch noch mehr gewinnen. Diese Diskussion ist wichtig, aber für mich ist viel wichtiger, dass so viele Athleten wie möglich am Tag X ihre Höchstleistung abrufen. Das Resultat kommt dann automatisch. (si)