Performance gegen Luzerner Sparpolitik

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Im KKL Luzern ist am Freitagabend das Lucerne Festival eröffnet worden. Bevor Festredner Iso Camartin sich zum Festival-Thema "Identität" äussern konnte, protestierten Kulturschaffende gegen Sparmassnahmen des Kantons Luzern.

Aktualisiert: 
12.08.2017, 07:00
11. August 2017, 19:15

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Man musste beim gestrigen Auftakt zum Sommerfestival unweigerlich an Flüchtlinge denken, die das Festival selber unter dem Motto «Identität» zum Thema macht. Neben der Grossleinwand, auf der der Eröffnungsakt und das Konzert des Lucerne Festival Orchestra später live übertragen wurden, entstiegen nach 17 Uhr am Inseli-Ufer dunkel gekleidete Gestalten tropfend und schlotternd dem Vierwaldstättersee.

Da ein Frackanzug, dessen Stösse im Wasser wie Flossen gerudert hatten, dort eine Taschenuhr, die an der Kette baumelte, hier ein Tattoo, das neckisch unter dem schwarzen Mini hervorlugte. Es war eine zeitlos-anonyme Masse des Elends, die sich wie ein Trauerzug vor das KKL bewegte, wo zeitgleich Festival-Intendant Michael Haefliger die Prominenz zum Empfang im Luzerner Saal begrüsste.

Alles ist da auf dem Inseli

Er hätte nicht grösser sein können, der Kontrast zum Publikum, das sich für das Eröffnungskonzert chic gemacht hatte, wie es Iso Camartin kurz darauf in seiner Eröffnungsrede im Konzertsaal des KKL formulierte. Aber die Aktion «sichtbarmachung» von Luzerner Kunstschaffenden richtete sich gegen die Streichung von 800 000 Franken kantonaler Kulturförderung an die Freie Szene und nicht gegen das Festival. Der Gang vor das KKL war mit dem Festival abgesprochen. «Wird der Luzerner Kultur die Lebensgrundlage entzogen, trifft dies auch die grossen Kulturinstitutionen wie Lucerne Festival», kommentierte Intendant Michael Haefliger die Aktion, deren Teilnehmer – 133 Kulturschaffende – lautlos wieder ins Wasser verschwanden.

Dass die Aktion vor allem bei aus­ländischen Touristen Aufmerksamkeit erregte, lag daran, dass wegen der nassen und kalten Witterung erst spät und nur rund 200 Besucher den Weg zum Public Viewing auf dem Inseli fanden. Darunter sind Stammgäste wie der ehemalige KKL-Direktor Michael Wittwer, der jedes Jahr mit ehemaligen KKL-Mitarbeitern das Eröffnungskonzert mitsamt Tisch, Gedeck, Leuchter und – dieses Jahr mit Pavillon – auf dem Inseli feiert. Eine Besucherin ist trotz des zunächst nur leichten Regens gekommen, weil ihr letztes Jahr die Übertragung auf dem Inseli mit ihrer ganz speziellen Atmosphäre – «nicht so stier wie im Konzertsaal» – unglaublich Eindruck gemacht hat. Dass der Anlass Kenner wie Einsteiger anspricht, zeigt auch die Frau, die meint, sie verstünde nichts von klassischer Musik, und die den Rahmen auf dem Inseli ideal findet zum Schnuppern.

Auch wenn es lange dauerte, bis Riccardo Chailly den Taktstock zum Eröffnungskonzert hob – die Zeit wurde durchaus attraktiv gefüllt. Zunächst spielten die beiden «Artiste Etoiles», die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellist Jay Campbell, ein Duo von Zoltán Kodály, das mit musikantisch gepfeffertem Heim- und Fernweh wieder an Reisen und Flüchtlinge erinnerte. Und nach dem Stiftungspräsidenten Hubert Achermann, der seine Rolle als «Begrüssungsredner» mit Humor nahm, war die Rede von Bundesrat Alain Berset ein passender Vorspann zur eigentlichen Eröffnungsrede von Camartin.

«Identität», zeigte sich da, ist tatsächlich ein aktuelles Thema, zu dem viele etwas Gescheites zu sagen haben. Berset exemplifizierte am Beispiel der Schweiz die anschliessend von Camartin erläuterte Idee einer Identität, die prozesshaft und kein «Ruhekissen» ist. Unser vielsprachiges Land sei ein «Europa en miniature» und müsse seine auf «Verflechtung und Abgrenzung» gegenüber anderen beruhende Identität immer wieder neu definieren: «Als Land, dessen Identität eine Art Work in Progress ist, haben wir in einer World in Progress einen Vorsprung vor den andern.»

Dass eine veränderte Identität nicht automatisch eine Identitätskrise bedeuten muss, liess die Übertragung des Eröffnungskonzerts auf dem Inseli wenigstens erahnen. Auch wenn die legendären Pianissimo-Wunder des Orchesters im Hupen auf dem See und im Brummen der Car-Motoren untergingen: Die Spannkraft, mit der Chailly und das Orchester die Energieströme etwa durch Richard Strauss’ «Zarathustra» pulsieren liess, zeigten, dass das Orchester unterwegs ist zu neuen Ufern.


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