Erstaunliche Geborgenheit in lebensfeindlicher Zone

HÖLLOCH ⋅ Stockdunkel, feucht, ständige Kühlschranktemperatur und Blasentraining für Fortgeschrittene – trotzdem ist der mehrtägige Aufenthalt in Europas zweitlängstem Höhlensystem ein faszinierendes Erlebnis, das weit in den Alltag nachhallt.

25. Februar 2017, 14:59

Cyrill Studer Korevaar

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

9.38 Uhr, Busstation Hölloch, weit hinten im Muotathal. Die Sonne scheint gedämpft entlang der nackten Bäume am Charen-Kamm, aber auch so ist klar, dass heute ein lichtgesättigter Tag wird.

Wir hingegen verabschieden uns in Kürze für drei Tage von der Oberfläche – die begeisterte Höhlenwanderin Stefanie Nydegger aus dem Aargau und meine 15- und 13-jährigen Töchter. Kyra und Tessa wünschten sich die Hölloch-Exkursion zu Weihnachten.

Vier Jahre zuvor stiegen wir während zweier Tage in das 200 Kilometer lange Labyrinth ein. Das Erlebnis hallt nach, immerhin verzichten die beiden ein Wochenende auf Handy und Freunde. Stattdessen ist Sand- und Lehmrobben angesagt, bei konstanten 6 Grad Celsius und beinahe 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ausserdem steht Blasentraining an. Blasentraining? Ich sehe das entsetzte Gesicht von Tessa noch vor mir, als sie damals bereits tief im Berg um eine Pinkelpause bat. Die lakonische Reaktion des Höhlenführers: «Gleich, in 90 Minuten beim Biwak.»

Die Erlösung war dann umso grösser, die unerfreuliche Antwort längst weggesteckt. Immerhin wünschten wir uns für diese Tage denselben Führer, welchen wir Minuten später im Restaurant Hölloch treffen: Marcel Rota schwänzte als Kind auch schon mal die Schule, um stattdessen einen Fuchsbau zu erkunden. Auch wenn sein 50. Geburtstag bereits zurückliegt, verbringt er nach wie vor etwa jeden dritten Tag unter der Erde. Sein wilder Haarschopf ersetze ihm die Mütze, sagt er schon bald nach der Begrüssung. Erklärungen und Geschichten folgen in den nächsten Stunden Schlag auf Schlag.

Was zum Teufel machen wir da?

Die wohlige Wärme der Gaststätte, ein letzter Schluck Kaffee und dann hinaus. Auf der anderen Seite des Starzlen-Baches, in einem einfachen Holzbau, wandern die Alltagskleider ins Gestell. Ab jetzt sind wir in Thermowäsche und unverwüstliche ­Overalls eingepackt. Auf Gummistiefeln, mit Höhlenhandschuhen und reichlich beladen stapfen wir durch den Schnee dem Eingang zu. Die Sonne ist endgültig durchgebrochen, der Frühling liegt in der Luft. Links von uns zieht sich eine eindrückliche Schlucht den Steilhang hinauf – ein ehemaliger Höhlengang, durch die Erosion freigelegt.

Wie abermals in den letzten Tagen kommen mir Zweifel auf: Drei Tage freiwillig in diese unwirtliche Dunkelheit? War das damals wirklich so toll? Werden wir heute nach einer halben Stunde den Koller haben, immerhin kennen wir das alles schon.

Zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit, unversehens sind wir von der totalen Finsternis umgeben und durchqueren zügig den ausgebauten Teil des Loches. Deckenhacken mit Porzellanisolatoren zeugen vom Millionenausbau belgischer Investoren anfangs des 20. Jahrhunderts. Der Zentralschweizer Tourismus boomte. Mit dem im Jahre 1875 vom Bergbauer Alois Ulrich entdeckten Hölloch dachte man, den Everest unter den Höhlen durch eine komfortable Erschliessung vergolden zu können. Dieselbe Kraft, welche das Höhlensystem hervorbrachte, zerstörte die übertriebenen Erwartungen: Das Hochwasser im Juni 1910 liess kaum was übrig. Verbleibende Kupferleitungen wurden verhökert, Europa befand sich bald darauf im Krieg. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten wieder Höhlenforscher auf. Seit den 1990er-Jahren bietet das Trekking Team geführte Touren für die breite Bevölkerung an.

Halten die 400 Meter Fels über uns?

Und jetzt? Vier Stunden vom Eingang entfernt liege ich in der Nacht im Schlafsack, inmitten einer komfortabel eingerichteten Überlebensinsel: Das neue Wasserdom-Biwak wurde erstellt, nachdem der tiefer liegende Vorgänger vom Hochwasser 2005 geflutet wurde.

Rund um mich ist vollkommene Dunkelheit, ausser leichten Atemgeräuschen ist nichts zu hören. Nichts. Müde wäre ich, gleichzeitig hält mich der aussergewöhnliche Ort wach. Mehrere Kilometer im Berg. Drei Meter oberhalb des Schlafplatzes beginnt der Kalkstein. Überbleibsel unvorstellbar vieler Schalentiere, welche vor Jahrmillionen denselben Planeten bevölkerten. 400 Meter über mir dann wieder die uns wohlbekannte Erde. Dazwischen – wie viele Tonnen Gestein? Was wäre wenn ...? Ich verscheuche den Gedanken. Wes­wegen sollte das Ganze ausgerechnet heute, an dieser Stelle zusammenbrechen? Immerhin ist das Höhlensystem nahezu unverwüstlich. Wir waren heute in Gängen, die vor 500000 Jahren entstanden, mit Tropfsteinen darin – nicht grösser als mein Unterarm – die seit 300000 Jahren unermüdlich wachsen. Gefangen, oder vielleicht doch eher aufgehoben, in ewiger Dunkelheit und in der Durchschnittsaussentemperatur der jeweiligen Epoche konserviert. In der jetzigen Warmphase des Holozäns sind das rund um das Hölloch-Gebiet konstante 6 Grad Celsius.

Diese waren beim langen Marsch rasch zu warm – aber das Gegenteil ist öfters der Fall. So auch beim Aufstehen, nachdem ich doch noch ein paar Stunden Schlaf gefunden hatte. Ein malerischer Sonnenaufgang wäre an diesem Ort zu viel verlangt. Aber der Blick vom Schlaflager auf den Küchen- und Essbereich mit seinen Kerzen und Gaslampen wirkt ähnlich motivierend, der Geruch von Eiern und Bratspeck sowieso. Raus aus dem Schlafsack, rein in den klammen Overall und die Töchter zum Aufstehen bewegen – früher Sonntagmorgen hin oder her.

Krebsgang in grau-brauner Umgebung

Als Sitzpolster dient die noch immer warme Bettflasche vom Vorabend. Nach dem Frühstück wird der Inhalt zum Gesicht- und Händewaschen gebraucht – angenehmer als das eiskalte Wasser, welches der Berg hergibt. Am Abend zuvor war die heisse Wärmeflasche ein Geschenk des Himmels, oder zumindest von Mäsi Bienz. Mäsi stiess rechtzeitig zu Spaghetti bolognese zu uns und löste Marcel ab, der nach dem Essen seinen langen Heimweg antrat, wo Gäste aus Brasilien zu Hause auf ihn warteten. Der 26-jährige Mäsi arbeitet Vollzeit als Zimmermann und im Winter zusätzlich als Gästeführer, wenn der Wasserstand tief und die Höhle begehbar ist. Viel mehr hat daneben keinen Platz, Fernseher oder Computer braucht er nicht. Stattdessen besitzt er einen imposanten Bart – kein schlechtes Anhängsel bei seinen Arbeitstemperaturen.

Von den körperlichen Strapazen unter Tage ist ihm nichts anzumerken. Wir hingegen werden in den nächsten Stunden noch mehr aus der Komfortzone geholt. Der erste Tag fühlte sich bereits wie eine Kriens–Pilatus-Wanderung an – noch gab es aber wenig Bück-, geschweige denn Kriechpassagen. Das ändert sich mit unserem heutigen Tagesziel schlagartig, der Galerie «1001 Nacht».

Mit leichtem Gepäck wandern wir los, mit starken Helmlampen und ohne das kleinste bisschen Grün im Blickfeld. Wir queren grosse Hallen, gehen zwischen Felsblöcken hindurch, steigen stetig nach oben. Ausser Puste erreichen wir mit dem «Nadelöhr» einen der höchsten Punkte der gesamten Tour. Der Name ist Programm, und der Durchschlupf bietet einen Vorgeschmack auf die nächsten Stunden: Rucksack durchschieben, Arme wie bei einem Kopfsprung ins Wasser hintennach. Mit den Stiefeln am rutschigen Untergrund abstossen, Bauch einziehen, etwas zu greifen versuchen (und wenn es bloss Lehm ist), sich daran nach vorne ziehen und das Ganze Dezimeter für Dezimeter wiederholen.

Bei «1001 Nächten» kann niemand den einen oder anderen Albtraum verübeln – hier tauchen sie in Form von regelmässigen Engstellen auf. Der Rest muss meist in geduckter Haltung bewältigt werden, wenn nicht auf allen Vieren. Die Technik ist individuell und ändert sich ausser bei Mäsi im 5-Minuten-Takt: Auf Knien und Unterarmen, auf dem Hintern, so lange wie möglich auf Händen und Füssen oder Tessas Rollenmethode, welche sogleich als James-Bond-Technik im Gruppen-Vokabular aufgenommen wird.

Allen Taktiken gemeinsam ist, dass sie unangenehm bleiben. Trotzdem haben wir Spass. Das Abmühen tief im Berginnern ist so aussergewöhnlich absurd, dass Selbstironie und Humor überwiegen. Und da sind immer wieder die Belohnungen in der Gestalt von Tropfsteinen mit ihren individuellen Formen und Farben. Für jede Art waren wieder andere Voraussetzungen nötig: die richtige Menge Wasser, welche durch die Felsen dringt, minimale Elementen-Abweichungen im umgebenden Gestein, stabile Zustände über Jahrtausende.

Faszination und Horrorvorstellungen sind im Hölloch Nachbarn

Eindrücklich auch die langen Minuten, welche wir ohne Licht auf einem auf unsere Körperformen zugeschnittenen Untergrund ausharren. Gefühlte Lichtjahre von der Zivilisation entfernt, vom Berg gleichermassen geborgen, wie ihm auch ausgesetzt. Der darunterliegende Stein, der einem im bewegungslosen Zustand die Körperwärme, die eigene Lebensenergie, kontinuierlich aussaugt: Innerhalb weniger Stunden wäre von uns nichts mehr ­übrig, als die, der Umgebungstemperatur angeglichenen Hüllen. Oder, wenn wir gleich bei den beklemmenden Erlebnissen bleiben: Das Lichterlöschen in der von einem Bach durchzogenen «Regenhalle». Innerhalb von Sekunden glaubt jeder das Stimmengewirr von Menschen zu hören. Erlebnisse, denen man sich besser nicht allzu lange aussetzt. Bevor uns die Kälte zu stark in die Knochen fährt, verlassen wir die Galerie «1001-Nacht» über einige Kletterabschnitte.

Eigene Welt mit Fantasienamen

Weiter führt uns Mäsi durch die «Schlange», eine grössere Rutschpartie, welche uns weit unter das Biwak führt. Auf dem Heimweg lassen wir uns die «Wiedergeburt» nicht nehmen: ein zwar kurzer, dafür umso steilerer und engerer Kriechgang, welcher den namensgebenden Entdecker wohl an seine eigene Geburt erinnerte.

In meiner Kindheit stolperte ich über ein Hölloch-Buch, mit Karten und Abbildungen und all diesen exotischen Namen, welche meine Fantasie bis heute anregen. Einige haben wir gesehen: Das «Höllental», das «Glitzertor», die «Papageienkammer». Morgen stehen der «Styxsee» und der «Pilatusstollen» auf dem Programm. Aber uns drängt es bereits weiter, und so frägt Kyra beim Fondueessen: «Könntest du uns bei einer nächsten Expedition weiter nach hinten nehmen, zu den grossen Gängen?» Ihre Frage ist nicht abwegig. Mäsi selber braucht Ende Saison keine fünf Stunden bis in den hintersten Basisbereich. Trotzdem muss er abwinken. Die hinteren Gänge und das weitläufige obere System mit seinen langen Strickleitern, sind den Profis vorbehalten. Zu knapp sind die Leitern und Fixseile gesetzt, zu aufwendig, diese Bereiche für Ungeübte zu erschliessen. Somit werden uns so verführerisch klingende Namen wie «Mondmilchstrasse», «Glasgang» oder «Orgelwand» für immer verwehrt bleiben, was meiner Mitvierziger-Gesundheit bestimmt entgegenkommt. Anders sieht es beim Nachwuchs aus. Höhlenführerin? Irgendwann in den nächsten Jahren? Warum nicht?

Lebensfeindlich, aber nicht ohne Leben

Auch wenn wir Anfänger sind, merken wir, dass auch dieses Universum seine eigenen Gesetze, Abfolgen und sogar Lebewesen hat. Tatsächlich wurden bisher über 50 Tiere entdeckt: Würmer, Krebse, Spinnen, Insekten. Oftmals über das Wassersystem von aussen eingetragen und den Gesetzen der Evolution gehorchend, mutierten sie im Verlaufe der Zeit zu neuen, perfekt angepassten Arten. Da gibt es etwa die Ooctolasium-Würmer, die sich vor dem grossen Wassereinbruch der Schneeschmelze rechtzeitig in schützende Felsritzen zurückziehen. Oder die mit 1,5 cm ausgewachsenen Niphargus-Flohkrebse, die auch kurze Strecken ausserhalb des Wassers bewältigen.

Zurück auf der menschlichen Dimension gibt es den «Riesensaal», in dem sich regelmässig Tourengruppen begegnen und von dort aus verschiedene Ziele ansteuern – sozusagen der Zürcher Hauptbahnhof im ausufernden Höhlensystem, auch wenn man vom Dichtestress noch weit entfernt ist. Dennoch beschäftigt uns vor dem Schlafengehen auch hier der profane Alltag: der Abwasch steht an. Die Esswaren hingegen müssen bloss abgedeckt werden, Mäuse und Ratten verirren sich nicht hier hin. Und ein Kühlschrank ist auch nicht nötig. Wir sind bereits drin.

Ein Gefühl von Ewigkeit

Letzter Tag – «Pilatusstollen»: zunächst ein längerer Kriechbereich. Dann mit Hilfe eines Seiles einen hohen, nahezu senkrechten Kamin hinunter. Anschliessend die ausgiebige Rutschpartie, vorsichtig vorbei an Tropfsteinen. Eben wünschte man sich an den engen Stellen noch einen schlanken Hintern, inzwischen wäre zusätzliches Fettpolster beim unebenen Untergrund hilfreich. Aber auch das würde nicht vor dem eiskalten Schlammwasser schützen, welches sich langsam durch alle Kleiderschichten bis zum Allerwertesten kämpft. Anschliessend bleibt bloss der körpereigene Ofen: die einzige Methode, um nasse Kleider in diesem immerfeuchten Klima trocken zu kriegen.

Und tatsächlich, als wir Stunden später spürbar erschöpft den ausgebauten Teil erreichen, ist alles trocken. Inzwischen sind meine Gefühle zwiespältig: klar, Dusche, weiches Bett, ein paar wenige Schritte zur Toilette – alles toll. Handkehrum: Die Töchter werden älter, ihre Eltern parallel dazu weniger cool – wie oft werden wir noch solch intensive Tage zusammen verbringen?

Aber auch – unter dem Eindruck der erlebten Erdgeschichte: Was spielt sich derzeit da draussen ab? Im Osten verbannt der konservative Islamist Erdogan die Evolutionslehre aus den Schulen, im Westen verdankt Trump seinen Erfolg auch den fundamentalchristlichen Kreationisten, welche die Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes wörtlich nehmen.

Stunden später bin ich frisch geduscht vor dem Fernseher – Marja, meine Ehefrau ist in den Niederlanden auf Verwandtschaftsbesuch, Kyra schläft bei einer Freundin und Tessa und ich schauen zeitversetzt die «Tagesschau». Die ersten News nach drei Tagen: Die weltweiten Rüstungsausgaben waren seit Ende des Kalten Krieges nie mehr so hoch.

Wie war das schon wieder, weit hinten im Muotathal in der Höhle, Stunden vom Eingang entfernt? Wunderschöne Tropfsteine, Hunderttausende von Jahren alt. Sie werden auch im Jahre 2100, 3000, 10000, 100000 noch dort sein, dann einfach noch grösser. Und schöner. Irgendwie ein beruhigender Gedanke.

Hinweis: Informationen zu den Höllochführungen finden Sie unter www.trekking.ch

  • Neue Luzerner Zeitung AG
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Stockdunkel, feucht, ständige Kühlschranktemperatur und Blasentraining für Fortgeschrittene – trotzdem ist der mehrtägige Aufenthalt in Europas zweitlängstem Höhlensystem ein faszinierendes Erlebnis, das weit in den Alltag nachhallt.


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